Zwei Interviews zu Genua

Eine Bewegung gegen Neoliberalismus muss auch verschiedene Positionen aushalten können!

Zwei Interviews zu Genua
07.08.01 Georg Feiler
Zwei Interviews zu den genueser Ereignissen, zwei Stellungnahmen aus unterschiedlichen gesellschaft- lichen Positionen. Eine davon bescherte uns Daniel Cohn Bendit in der Frankfurter Rundschau v. 1.8.01, die andere der Sprecher des GSF, Vittorio Agnoletti. Cohn-Bendit, der Rebell ist mittlerweile Abgeordneter der französischen Grünen im Europaparlament, Agnoletti, ist wegen Genua gekündigter Regierungs- mitarbeiter und mit beiden Beinen in der neuen Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung stehend.
Cohn Bendit, der gerostete Alt68iger, hat seine Sympathien für die “große soziale, radikal-moralische Bewegung entdeckt - und das ist gut so. Denn zur Aufklärung der Ereignisse in Genua ist jede Hilfe notwendig, gerade wenn sie so deutliche Positionen bezieht.
So wendet sich der ehemalige Freund des deutschen Außenministers gegen dessen Äußerungen zur Gewalt und empfiehlt ihm als “Herrschenden” ... “nicht so blöd daher zu reden!” Bei Otto Schily äußert er den Verdacht, dass der unter “Altersamnesie” leide, weil er vergessen hat, dass “es auch im Rechtsstaat eine Polizei geben kann, die sich verselbständigt.”
Auch bleibt er nicht bei bloßer Betrachtung der Ereignisse, sondern ist nach seinen Aussagen an parlamentarischen Initiativen beteiligt, die die Untersuchung der Vorfälle von Genua vorantreiben sollen. Er fordert von der EU Schuldenerlaß für die 40 ärmsten Länder, eine drastische Einschränkung der Waffenexporte und eine Öffnung des “parlamentarischen Konvents” gegenüber der Zivilgesellschaft.
Das Interview mit Vottorio Agnoletti ist bei uns auf deutsch übersetzt nachzulesen. Der 43jährige Arbeitsmediziner vertritt sicherlich nicht die radikalsten Positionen, die im GSF anzutreffen sind, dennoch ist das, was in seinen Aussagen mitschwingt durchweg faszinierend, denn es stellt sich unweigerlich die bescheidene Frage, wann in Deutschland die Linke endlich soweit sein wird, ihr Sektierertum abzustreifen, wie dies in Italien der Fall ist. Wer Genua selbst miterlebt hat wie ich, kann bestätigen, dass hier ein breites Bündnis unterschiedlichster ideologischer und politischer Positonen offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten gegen den neoliberalen Vormarsch des Kapitals zusammenhält. Das gegenseitige Angekotze hat der inhaltlichen Diskussion Platz gemacht und man ist bereit, voneinander zu lernen. Große Projekte brauchen auch eine große Meinungsvielfalt und müssen unterschiedlichste Positionen aushalten können.
Ähnlich wie 1968, als auch innerhalb der CDU noch aufgeschlossene Mitglieder der 68iger-Bewegung positiv gesinnt waren, sind auch jetzt wieder in Italien Teile der katholischen Kirche in die Bewegung eingebunden, was nicht von ungefähr kommt, denn viele Kirchenleute in den armen Ländern erfahren Kapitalismus pur am eigenen Leib und geben diese Erfahrungen weiter. Eindrucksvoll schildert Agnoletto in seinem Interview wie solch unterschiedliche Organisationen wie die Basisgewerkschaften Cobas, die Tute Bianche und Pax Christi oder Cnca Hand in Hand arbeiten. Diese Bewegung muss auch Platz haben für betende Ordensschwestern oder antifaschistishe Priester wie Don Gallo, der auch im Kampf um die Befreiung von einem faschistischen Italien seine Erfahrungen gesammelt hat.
Wir deutschen Linken können also nur von der italienischen Bewegung lernen. Die Reihen schließen mit all denen, die gewillt sind, diesem neoliberalen Wahnwitz ein Ende zu bereiten.

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