Augenzeugenbericht Genua, 13.-22.7.

deutsche Uebersetzung von meinem Augenzeugenbericht
"I was in Genoa"

Augenzeugenbericht, 13.-22.7.

Ich war in Genua.

Was ich gesehen habe war Faschismus. Ich danke Gott dass ich weder verletzt noch verhaftet wurde!

Ich war die meiste zeit im IMC in der Via Cesare Battista. Dieser Platz war sehr nar zur "kriegszone" (ein paar hundert meter). Wir rochen die ganze Zeit ueber Traenengas, manchmal mussten wir die Fenster schliessen (und ich habe gehoert, dass der ort, wo der G8 stattfand, Pallazzo Ducale, auch gelegentlich voll von Traenengas war, so dass die ihre Verhandlungen unterbrechen mussten...).

Ich kam nach Genua eine Woche vorher, es gab keine Probleme beim Grenzuebergang (wir nahmen kleine Strassen, an der Grenze fragte mensch uns wohin wir wollten und wir sagten: Como, und sie sagten uns: viel Spass in Genua, und liessen uns fahren...)

Wir kamen an im CSO Terra di Nessuno, einem kleinen sozialen Zentrum im Nordwesten der Stadt. Dort gab es zuvor ein Treffen zum Plan Colombia (es waren auch Leute aus Lateinamerika dabei)

Am Samstag Morgen fuhren wir zur Via Cesare Battista (IMC/ GSF).

Samstag/ Sontag 14./15.7. gab es ein kleines Treffen von "Peoples' Global Action". Wir sprachen ueber die naechste PGA Konferenz in Cochabamba/ Bolivien und darueber wie wir mit der zunehmenden Polizeigewalt bei Grpfeltreffen umgehen sollen. Leute aus Finland berichteten ueber Goetheborg (wir hatten nie gedacht dass Genua die absolute Spitze der Polizeigewalt werden wuerde, die wir jeh erlebt hatten) wir sprachen ueber eine Consulta in Europa, die wir in naechster Zeit durchfuehren wollen. Das Treffen war zu spaet angekuendigt, wir waren nicht viele Leute, wir beschlossen, keine Entscheidungen zu faellen sondern nur Vorschlaege zu machen...

Die naechsten Tage gab es staendig Treffen, in der Via C.Battista und auch im Konvergenzzentrum an der piazza Martin Luther King, direkt am Meer (es war sehr schoen staendig das Mehr vor sich zu haben!)

Dann Manu Chau Konzert, er spielte nicht fuer Geld, er spielte fuer 'uns', fuer 'Genua'...

Donnerstag 19.7., der MigrantInnen-Marsch, ca. 50tausend Leute auf der Strasse, bunt, friedlich, keine Polizei-Riots, meine Gruppe machte Bodypainting und wir hatten ein grosses Transparent 'united colours of resistance'. Wir bewegten uns nahe der 'No-Border-Karawane', einer Gruppe aus Oesterreich die schon seit mehreren Wochen unterwegs war -- ich sa sie das letzte Mal in Salzburg, auf der Demo gegen das Welt-Wirtschafts-Forum. Nach Genua wurde diese Karawane auf ihrem Heimweg gestoppt und alle TeilnehmerInnen wurden festgenommen, was soll ich sagen: Warum?

Freitag 20.7.: Ich hab die Demo nur fuer wenige stunden 'genossen', ich war mit einer Frau und ihrem Hund zusammen und wir konnten uns nicht zusehr dem Traenengas naehern wegen dem Hund. Wir kamen zu spaet zum Statrpunkt vom Pinken Marsch den wir mitmachen wollten. Wir gingen durch die Strassen staendig Traenengasgeruch in der Luft, ueberall brennende Autos, eingeschlagene Schaufenster usw. Was ich spaeter gehoert habe war dass es sehr viele 'Agents Provocateurs' gegeben hat, Polizei getarnt als DemonstrantInnen die Schaufenster von kleinen Geschaeften einschlagen und Riot-Polizei mit Pflastersteinen und Molotovs angreifen, das wurde dokumentiert durch Videoaufnahmen, Photos und Augenzeugenberichte, Samstag abend gab es einen Film darueber im italienischen Fernsehen, aber mehr dazu spaeter...

Ich hab mich wie im Krieg gefuehlt, nirgendwo ein Bereich wo mensch sich sicher fuehlen konnte, ueberall Traenengas, ueberall Riot-Polizei. Wir versuchten aus der Kriegszone herauszukommen aber staendig mussten wir umdrehen wegen neuen Traenengasangriffen. Wir fanden eine Stelle auf einem Huegel von der aus wir etwas sehen konnten was unten abging. Wir sahen Traenengasattacken, brennende Autos und endlos viele Riot-Polizei (zuerst dachte ich es waere nicht gut kleine Autos anzuzuenden aber im nachhinein wurde mir klar dass das oft die einzige Moeglichkeit war Riot-Polizei von ihren Angriffen zu hindern). Schliesslich machten wir einen ziemlich langen Umweg bis wir an der V. Cesara Battista (IMC) ankamen wo wir uns erstmal sicher fuehlten...

Samstag 21.7.: Ich machte keinen Schritt weg von der V. Cesare Battista. Aber was ich dort erlebt habe war genug. Weil die webseite von Indymedia zeitweise down war (mag eine attacke der Gegenseite gewesen sein) haben wir einen Dispatch (Infotisch) auf der Strasse organisiert .Spaeter hatten wir auch eine Box rausgestellt ueber die das Indymedia-Radio Lief, wo es permanent Augenzeugenberichte von der Strasse gab. Ich war mehr oder weniger die ganze Zeit am Dispatch bis in die Nacht als die Schule gestuermt wurde. Wir bekamen hier die Infos was unten in der Stadt passierte. Staendig kreisten die fetten Militaerhubschrauber im Tiefflug ueber uns. Wir rochen das Traenengas von den Riots die nur wenige hundert meter von uns entfernt waren.

Mittags stuerzten Autos (2?) mit rasender Geschwindigkeit durch unsere Strasse die voll von Leuten war. Leute vom (Genoa Social Forum) bekamen angst und sagten uns dass wir dringendsd den Dispatch zurueck ins Gebaeude bringen....

Einige Momente spaeter beruhigte sich die Situation wieder , wir trugen den Dispatch wieder auf die Strasse aber diesmal in den Hof der gegenueberliegenden Diaz-Schule. Wir machten mit unserer Arbeit weite, die Demo war inzwischen etwas weiter entfernt und die Hubschrauber kreisten nicht mehr so oft ueber uns...

Die Nacht brach ein. Es war immer noch Traenengas in der Luft, aber wir fuehlten uns sicher, was ein GROSSER FEHLER war. Gegen 23 uhr kamen nochmals Autos durch die Menge gerast. Flaschen flogen hinterher. Wir versuchten die Leute zu beruhigen, die Flaschen warfen.

Gegen Mitternacht fing das Geschreie an: Riot Police: Rette sich wer kann! Ich war noch am Dispatch vor der Diaz-Schule. Und die Frau mit dem Hund war auch noch bei mir. Aber ich hatte alles um mich herum vergessen und rannte ueber die Strasse zum IMC (ein paar Momente spaeter fuehlte ich: warum hab ich die Frau nicht an der Hand mitgenommen?).

Die Polizei stuermte auch 'unser' Gebaeude (GSF/ IMC)Ich war im dritten Stock (IMC) und ich konnte Hoeren wie die Tueren eingeschlagen wurden, Stockwerk fuer Stockwerk, das war nicht wirklich ein gutes Gefuehl...

Dan kamen sie -- wir alle raus aus den Zimmern, om Gang an der Wand sitzen. Nicht Sprechen! (Nebenbei bemerkte ich dass die Polizei normale Strassenkleider trugen unter ihren Uniformen, weiss nicht ob dieses Detail irgendwie von Bedeutung ist...) Spaeter durften wir sprechen, manche fragten die Polizei nach Zigaretten (und bekamen auch welche) usw. Dann irgendwann gingen sie (Es war eine Abgeordnete im Haus und jede menge Presse).

Aber was ich dann sah werde ich nie vergessen. Sofort nachdem die Polizei weg war stuerzten wir an die Fenster um zu sehen was draussen abging. Wir sahen die Polizei die Diaz-Schule abriegeln, wir sahen wie einE VerletzteR nach dem/der anderen rausgetragenk wurde, wir hoerten geschrei und Schlaege. Viele von uns, mich eingeschlossen, begannen zu weinen, und schrien "Assassini!" (Moerder!). Es waren so viele Leute in der Schule, viele Freunde von uns, und die haben sie geschlagen und geschlagen, es war so viel Blut auf dem Boden danach, wir waren danach alle traumatisiert. Das war reiner Faschismus......

Am naechsten Tag waren wir gezwungen Genua fluchtartig zu verlassen. Sonntag mittag fuerchteten Leute vom GSF eine neue Polizeiattacke. Wir packten schnellst unser Zeug und fuhren nach Mailand. Dort machten wir mit EA (Ermittlungs-Ausschuss) Arbeit weiter. Am Sonntag Nachmittag gab es eine 'kleine' Demo gegen die Polizeigewalt in Genua und gegen die Berlusconi-Regierung -- wie in vielen anderen Italienischen Staedten. Es waren etwa 10 bis 15 Tausend Leute auf der Strasse, hauptsaechlich aus Mailand. Ich fuehlte wie wuterfuellt die Leute waren: "ASSASSINI -- FINI E BERLUSCONI - I VERI ASSASSINI!", Fini und Berlusconi, die wahren Moerder! Ich trug eine schwarze Armbinde als zeichen der Trauer fuer den ermordeten und fuer die verletzten Leute (gegenwaertig wissen wir wenig ueber die Leute ueber den erschossenen Carlo hinaus, es gibt Geruechte, dass noch eine Frau angeschossen wurde, und 2 Leute von der Diaz-Schule schwebten zu dem Zeitpunkt noch in Lebensgefahr) Ich trag sie immer noch die Armbinde und wenn mich Leute danach fragen erzaehle ich ihnen ueber Genua...

so weit meinerseits -- aber fuer euch alle, die ihr in Genua ward, schreibt, was ihr erlebt habt und postet es zu de.indymedia.org und zu  http://italy.indymedia.org !

Homepage: http://free.freespeech.org/agp/genova/reports.htm