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06.08.2001 17:29 Genua: die Mitverantwortung deutscher Politik Es vergeht kaum ein
Tag in dem im Moment nicht in den Massenmedien und den alternativen Medien
über die Ereignisse in Genua berichtet und debatiert wird. Dabei geht es vor
allem um die verhafteten Menschen, die noch immer in Gefängnissen sitzen und
die Polizeigewalt der italienischen Carabinieri. Das ist gut so, doch bei
weitem nicht alles. Immer mehr wird deutlich, daß diese in Deutschland schon
lange nicht mehr dagewesene "liberale" Öffentlichkeit, die von den
Massenmedien und einzelnen Politikern hergestellt wurde auch dazu dient
Schuldige zu finden, in Italien, und wichtige Zusammenhänge auszuklammern.
So wird beispielsweise die Frage der Mitverantwortung der deutschen
Regierung völlig ausgeklammert. Nach dem Bekanntwerden
des Todes Carlos Guillanis durch die Nachrichtenticker der deutschen
Presseagenturen forderte Bundeskanzler Schröder, man müsse der kleinen Schar
von Militanten "mit allen Konsequenzen" deutlich machen, wo die Grenzen
seien. Ob Schröder wußte welche Geister er rief, bleibt Spekulation. Fakt ist dagegen, daß Bundeskanzler Schröder die politische Mitverantwortung für diese Ereignisse trägt. Er forderte "mit allen Konsequenzen" vorzugehen und muß deshalb auch die Mitverantwortung für "alle Konsequenzen" tragen, auch weil er sehr genau wußte, an wen er diese Forderung stellte: Der Berlusconi-Regierung, die nach den Todesschüssen der Polizei und den Carabinieri für ihren lobenswerten Einsatz dankte. Dem italienischen Premier Silvio Berlusconi, der dem, für den Tod von Carlo Giulianis verantwortlichen, Carabinieri vorschlug, er solle sich erstmal einen Urlaub gönnen, und dessen Partei "Forza Italia" den Todesschützen daraufhin zu einem Gratisurlaub einlud. Der mit Berlusconi verbündeten faschistischen Partei "Alleanza Nazionale", deren "Sicherheits-Experte" und Feldwebel der Carabinieri, Filippo Ascierto in einem Radiointerview die Erschießung Carlo Guilianis folgendermaßen kommentierte: "Wäre jemand mit mehr Erfahrung an der Stelle jenes Carabinieri gewesen, hätte er mehr als einen umgelegt, denn juristisch war die Notwehrsituation ja gegeben." Mitverantwortlich
gemacht hat sich auch Bundesinnenminister Otto Schily, der sich gerade erst
mit Italiens Innenminister Claudio Scajola traf, gegen den die
parlamentarische Opposition einen Untersuchungsausschuß fordert, um seine
Rolle bei dem geplanten Massaker in der Diaz-Schule zu durchleuchten. In
einem Zwiegespräch tüfftelten sie an den Plänen für eine europaweite
Spezial-Polizeitruppe, die überall in Europa gegen DemonstrantInnen
eingesetzt werden kann. "Auf deutschen Vorschlag kommt eine europäische
Polizeiakademie zustande, dort könnte eine solche neue europäische
Polizeieinheit gegen gefährliche Krawallreisende entstehen", so Schily. Diese populistische Hetzkampagnen lieferten das politische Rückgrat der faschistoiden Gewaltorgien der italienischen Polizei, denn nur mit politischem Rückhalt wie aus Deutschland war z.B. der Überfall auf die Diaz-Schule durchführbar. Unbeirrt alles
Protestes, der sich gegen diese Entwicklungen abzeichnet, werden diese
fortgeführt. "Es gibt kein Grundrecht auf Ausreise", stellte Ehrhart Körting,
SPD klar, den Protest für freie Bewegung abschmetternd. Diese Auswüchse des kapitalistischen Systems lassen deutlich erahnen wohin die Zukunft in den Augen der herrschenden Politiker, angetrieben durch die Kapitalinteressen der Industrie, führen soll. Was können wir dem entgegensetzen? Wenn wir protestieren, zücken sie ihre Waffen. Eine Grenze wurde überschritten, wir können nicht mehr sicher sein, was passiert, wie sie auf unsere Stimmen reagieren werden. Es ist jetzt wichtig Strukturen zu erstellen, Strukturen gegenseitiger Hilfe. Sie haben einen Krieg begonnen, haben ihr wahres Gesicht gezeigt, das Gesicht des Kapitalismus. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen auf diesen Krieg einzusteigen und ihrem Angriff mit einem Gegenangriff kontern. Das ist ihre Sprache, die Sprache der Ausbeuter und Unterdrücker. Wir müssen mit unserer Sprache reagieren, unserer Solidarität. Uns nicht spalten lassen, sondern näher zusammenrücken. Die Zeit der großen Worte ist vorbei, jetzt müssen wir unsere Vision einer freien und menschlichen Gesellschaft ohne Hirarchien praktisch machen. Flüchtlinge, einfache
Menschen, Ausgegrenzte, Obdachlose, Verfolgte, AntikapitalistInnen,
AnarchistInnen, ... auf der ganzen Welt werden von ihren Regierungen und
deren Bündnisse ausgebeutet und unterdrückt. Uns alle eint der Wunsch nach
Emanzipation, Selbstbestimmung und Selbstorganisierung. Es ist stärkend zu
wissen, daß überall auf der Welt Menschen sich gegen diese Zustände
auflehnen und ihr Leben in die eigene Hand nehmen wollen. Uns eint eine
weltweite Solidarität und wir knüpfen Netze um uns auszutauschen und
gegenseitig zu unterstützen. Es ist auch wichtig zusammenzukommen, bei
internationalen Treffen, zu diskutieren, voneinander zu lernen und unseren
Unmut lautstark und unüberhörbar kundzutun. Wir können nicht nur einen aktuellen Aspekt der Auswirkungen des Kapitalismus aufgreifen, sondern müssen die Zusammenhänge deutlich machen. Dies ist kein Kampf gegen etwas, sondern für ein freies, selbstbestimmtes Leben weltweit. Nicht die Zusammenarbeit mit regierungstragenden NGOs und hirarchischen Gruppen ergibt eine Bewegung für das Leben, für die Menschen, sondern die Solidarität und Vernetzung mit Menschen unterschiedlichster Einstellungen und Gedanken, deren Ziel eine herrschaftslose, freie und menschliche Gesellschaft ist. "Ihr könnt die Revolution nicht kaufen. Ihr könnt die Revolution nicht machen. Ihr könnt nur die Revolution sein."
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