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03.08.2001 18:19
Genua und danach
Genua ist gelaufen. Es
hat sich gezeigt, daß sich auf europäischer Ebene eine neue Stufe der
Repression herausbildet. Doch neben dem äußeren Feind gibt es auch
zahlreiche Widersprüche innerhalb der Bewegung. Welchen Umgang werden die
Kritiker der neoliberalen kapitalistischen Globaliserung mit der neuen alten
Stretegie der Spaltung finden?
Mit den Postesten gegen den G8-Gipfel in
Genua vom 20-22 Juli diesen Jahres wurde einerseits gezeigt, daß die
GegnerInnen neoliberaler kapitalistischer Globalisierung keinesfalls mehr
nur ein kleiner Haufen "radikaler" sind, sondern die Bewegung eine breite
gesellschaftliche Verankerung hat. Doch auf der anderen Seite wurde damit
eben auch ein vielen älteren "Linken" aus ihrer Vergangenheit wohl bekannter
Mechanismus angestoßen - staatliche Repression. Bereits bei den Protesten
von Göteborg hatte sich dies angedeutet, aber erst Italiens
rechts-faschistoide Regierung unter dem Medienmogul Silvio Berlusconi konnte
sich ungezwungen einem breiten Repertoire von Repressionsmethoden bedienen.
In der bürgerlichen Presse wurde das Vorgehen der italienischen
"Sicherheitskräfte" vielfach gerügt und selbst auf höchster politischer
Ebene eine Aufklärung eingefordert. Doch das ist Augenwischerei.
Bereits im Vorfeld der Proteste von Genua hat es in vielen europäischen
Staaten eine breit angelegte Repressions- und Hetzkampagne gegen die
Bewegungen gegeben. Mit dem EU-Gipfel in Göteborg wurde dabei die
Gewalt-Diskussion als Dreh- und Angelpunkt aktueller Repressionsstrategien
ausgemacht. Die Politik entdeckte den "Polit-Hooligan". Diesem Individuum
wurde nicht nur seine ernsthafte politische Motivation abgesprochen, es
wurde zudem als unmenschliches gewalttätiges Monster dargestellt.
Unberechenbar, chaotisch, scheinbar geistig verwirrt. Die Grunderkenntnis:
Es sind nur wenige und sie mischen sich unter den seriösen "guten" Kern der
ProtestantInnen. Die Aufforderung an die Bewegung lautete: distanziert euch
von den GewalttäterInnen.
Im Vorfeld von Genua baute die Presse und die staatlichen Repressionsorgane
auf diese Forderung auf. Die Presse nahm die Bewegung ins Visier, versuchte
die Gewalttäter auszumachen, verbreitete Halbwahrheiten über ihren
angeblichen Lebensstil, ihre Motivationen und ihre sozialen Milieus. Dabei
arbeitete die bürgerliche Presse eng zusammen mit den staatlichen
Repressionsorgangen. In großen PR-Aktionen enthüllten
Verfassungschutz-Behörden die "Wahrheit" und die "Erkenntnis" über die
sogenannten GlobalisierungsgegnerInnen. Wieder und wieder publizierten sie
ihre uralten "Erkenntnisse" über die militante Szene in Berlin, Hamburg,
Göttingen und anderen stigmatisierten Städten. Sie publizierten Zahlen -
500, 1000, 2000 nicht mehr seien es. Also eine Minderheit. So wie die
Minderheit der Fußball-Hools, die die friedliche Menge der Fußballfans
unterwandere. Das Bild schien zu passen.
Damit war auch die endgültige Legitimation geschaffen , im Vorfeld von Genua
mit aller "rechtsstaalicher Härte" gegen diese Gruppe vorzugehen. Die
VerfassungschützerInnen und die LKAs durchforsteten die Tiefen ihres
gesammelten Datendschungels. Sie verteilten Ausreiseverbote, Meldeauflagen
und schrieben Einschüchterungsbriefe an politisch aktive Leute - manche
bekamen sogar einen persönlichen Besuch abgestattet, um den nötigen
Nachdruck zu verleihen.
Schon mit Göteborg und danach dem Weltwirtschaftstreffen in Salzburg wurde
das Prinzip der Einreiseverbote bzw. Abschiebungen angewandt. Auch diese
Praxis stammt aus dem Umgang mit gewalttätigen Fußball-Hools und wurde nun
gegen DemonstrantInnen angewandt. Bereits zum WEF-Treffen in Salzburg wurde
das Schengener Abkommen über den freien Grenzverkehr außer Kraft gesetzt.
Fahrzeug und Zugkontrollen wurden für diese Zeit an der Grenze nach
Österreich wieder eingeführt. Leute die "auffällig" waren bzw. in
irgendwelchen Polizeidateien vermerkt waren, wurde die Einreise nach
Österreich verweigert. Die gleiche Praxis wurde dann auch im Vorfeld der
Genua-Aktionstage angewandt. Hunderte von DemonstrantInnen wurde an der
Grenze kontrolliert und schickaniert, vielen wurde die Einreise nach Italien
verweigert. So auch einem Großteil der aus Deutschland kommenden
MigrantInnen der Gruppe "The Voice". Auch den Fahrradkaravanen und
Straßentheatergruppen wurde die Einreise verweigert, bzw. sie wurden im Land
aufgehalten und inhaftiert. So geschehen mit der österreichischen Karavane,
die zum Zeitpunkt, wo ich diesen Artikel schreibe, noch immer in
italienischen Knästen sitzt und voraussichtlich in politischen
Schauprozessen (á la Bananenrepublik) für ihre Anwesenheit in Italien
verurteilt werden sollen.
Die deutschen Behörden überschlugen sich im Vorfeld zu beteuern, daß sie
ihren italienischen Kollegen alle Daten über deutsche Demonstranten zur
Verfügung gestellt hätten und ließen keinen Zweifel aufkommen, daß sie alles
für eine strafrechtliche Unterstützung Italiens tuhen würden. Innenminister
Schily und Kanzler Schröder überboten sich gegenseitig in verbaler
Entschlossenheit.
Trotzdem gelang es vielen Gipfel-GegenerInnen nach Genua zu gelangen um dort
an den genehmigten und von einem sehr breiten italienischen Links-Bündnis
(Genua Social Forum) vorbereiteten Protestaktionen teilzunehmen.
Während am ersten Aktionstag, dem 19. Juli , noch alles ruhig blieb, kam es
am 20. Juli dann zu den herbeigesehnten Gewaltbildern. Sie gipfelten in der
Ermordung des 23jährigen genueser Demonstranten Carlos Guiliani. Die
italienischen Polizeiverbände und die paramilitärischen
Carabinieri-Einheiten ließen keinen Zweifel an ihrer Brutalität und
Entschlossenheit aufkommen. Die Strategie war dabei keineswegs den Riots in
der Stadt Einhalt gebieten zu wollen, sondern vielmehr eine Mischung aus
militärischer Verteidigung der Hochsicherheitszone in der Altstadt, in der
die G8-Delegationen tagten und selektiver Repression und Vergeltung gegen
die DemonstrantInnen. Entsprechend griffen die Staatsorgane vor allem am
Rande des Geschehens ein. In oftmals willkürlich anmutenden Aktionen wurden
dabei Leute abgegriffen und oftmals aufs brutalste angegriffen. Die
staatliche Gewalt machte dabei auch vor VertreterInnen der Presse keinen
halt, was im Nachhinein zu erheblichen Protesten führt und die
Berichterstattung im Verlaufe der Proteste immer kritischer werden ließ.
Immer zahlreicher wurden die Berichte zu Übergriffen bereits am Freitag. Und
immer zahlreicher wurden auch die Berichte von angereisten Fascho-Hooligans
und Agents-provocateurs. So zahlreich, daß sich viele linke Militante aus
den Aktionen herauszogen, auch weil sie mit einer solch ziellosen
Zerstörungswut ohne politische Motivation und unter Inkaufnahme von
menschlichen Opfern nichts mehr anfangen konnten und wollten. Nun war der
bereits im Vorfeld beschworene "Black blok" der gewalttätigen Randalierer
und Chaoten ausgemacht. Ein schwarzer Outfit reichte aus, um in diese Gruppe
eingeordnet zu werden.
Am Samstag, dem Tag der Grossdemonstration, war die Stimmung äußerst
gespannt. Trotz der Einschüchterungskampagne waren unheimlich viele Leute
nach Genua gekommen und viele hatten ihre Losungen zugunsten eines klaren
Wortes verändert: "Assassini" (Mörder) - schallte es durch alle Straßen. Und
die Bullen hielten sich auf Distanz. Sie waren oft nur von weitem zu sehen
und finden meist prompt an, den friedlichen Demozug mit Tränengasgranaten
einzunebeln und in Massenpanik zu versetzen. Doch für die meisten
DemonstrantInnen kam dies kaum überraschend. Sie hatten sich Taucherbrillen
und Schutzhelme mitgebracht, um der staatlichen Gewalt nicht völlig hilflos
ausgesetzt zu sein. Trotzdem schafften es die "Sicherheitskräfte", die
riesigen Demozug von 150.000 Menschen in viele kleine Gruppen zu zerteilen,
die schließlich mehr oder weniger planlos in den Tränengaswolken der
Innenstadt umherirrten. Fortan waren überall in der Stadt Kleingruppen
unterwegs - auf der Suche nach Wegen nach irgendwo.
Gegen Abend beruhigte sich die Lage, auch als der Innenstadtbahnhof Brignole
wieder geöffnet wurde und somit mehr und mehr Menschen einen Weg aus der
Stadt fanden. Doch überall kursierten Gerüchte von Greiftrupps der Polizei,
die durch die Stadt zögen, auf der Suche nach Leuten des "Black bloks". Für
Leute mit schwarzen, punkigen Klamotten sei die Stadt gefährlich. Viele
irrten also durch die Stadt auf der Suche nach einem sicheren Platz für die
Nacht. Das Haus des Genua Social Forums und der unabhängigen
Berichterstattung Indymedia am Rande der Innenstadt schien ein solcher Platz
zu sein. Und so hielten sich an dem Abend zahlreiche Leute in den beiden
Schulgebäuden auf.
Gegen 23.30 Uhr begann dort die größte faschistoide Repressionsaktion seit
Beginn der globalen Proteste. Sondereinheiten der italienischen Polizei, die
gegen Mafiakriminalität, Gefängnisaufstände etc. eingesetzt werden, stürmten
mit äußerster Brutalität einen Teil des Kommunikationszentrums des Genua
Socail Forums. Sie richteten ein unglaublicher Massaker unter den mindestens
93 Menschen, die sich im Haus befanden an und transportierten die meisten
von ihnen in einer Nacht- und Nebel-Aktion in ein geheimes Polizeicamp am
Stadtrand. 12 Menschen wurden bei der Polizeiaktion schwer verletzt und
mußten über längere Zeit im Krankenhaus stationär behandelt werden, drei
waren akut lebensgefährlich verletzt. Die Aktion richtete sich gegen
friedliche, zum Teil schlafende, Menschen, die Großteils sich mit erhobenen
Händen den Polizeieinheiten versuchten zu stellen. Es gab keinerlei
Gegenwehr. Im Anschluß wurden die Opfer mehr als vier Tage lang in mehreren
Knästen unter Bedingungen von Folter und Isolation inhaftiert und
anschließend kollektiv abgeschoben. Die Ereignisse in der Schule A. Diaz
gingen intensiv durch die deutschen Medien. Besonders brisant wird dieser
Vorgang wenn mensch sich seine Hintergründe anschaut. Genehmigt wurde diese
Aktion nämlich bereits am 20. Juli, also mehr als eine Tag vor der
Ausführung. Dies legt nahe, daß die Planungen der Aktion bereits am 19.
Juli, also vor Beginn der Riots in Genua, begannen. Die offizielle
Legitimation, man habe in der Schule Mitglieder des "Black blok", die an den
Tagen zuvor straffällig geworden seien, festnehmen wollen, erscheint damit
als nachträglich konstruiert. Vielmehr ist es offensichtlich das diese
Aktion - die von oberster politischer Ebene und ohne richterlichen Beschluß
angeordnet wurde - von langer Hand als Vergeltungsaktion gegen das
unabhängige Widerstandsnetzwerk und das Genova Social Forum geplant war.
Nicht zufällig griff die Polizei genau diesen Raum an, in dem sie zahlreiche
Menschen der organisatorischen Struktur des Widerstandes vermutete. Dabei
ging es überhaupt nicht um die Festnahme von StraftäterInnen - dies wäre auf
der Straße sehr viel besser gelungen. Dazu gab man sich noch nicht einmal
die Mühe die Sachen der Anwesenden systematisch nach angeblichen Indizien zu
durchsuchen. Ein paar Messer und Thermoskannen sowie ein Transpi wurden als
Pseudo-Alibi für angebliche Bewaffnung mitgenommen und gemeinsam mit zwei
von der Polizei mitgebrachten Molotov-Cocktails als Beweismittel
präsentiert. Rucksack- und Tascheninhalte wurden auch einen großen Haufen
entleert, so daß eine persönliche Zuordnung, die für eine strafrechtliche
Verfolgung ja unbedingt notwendig wäre, gar nicht möglich war. Sie gehörte
auch nicht zum Auftrag der Schlägerbullen.
Damit die Aktion nicht allzuviel Medienwirbel in Italien verursacht,
versuchte man die Menschen zunächst mal für ein paar Tage verschwinden zu
lassen (ebenfalls mit Hilfe eines Anti-Mafia-Gesetzes) und als das immernoch
nicht die nötige Ruhe brachte, schob man sie gleich allesamt in ihre
Heimatstaaten ab.
Was ist also die Erkenntnis aus Genua?
Wir befinden uns in einer groß angelegten staatlichen Repressionskampagne.
Die Kampagne wird von staatlichen Stellen in internationaler Kooperation
geplant und nach taktischen Erwägungen umgesetzt. Ziel ist es, den
internationalen Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung in innere
Widersprüche zu verwickeln und somit eine Spaltung der Bewegung zu bewirken.
Ein altes Mittel aus der Mottenkiste der Repression der 70er und 80er Jahre
erfährt dabei neue Konjunktur: die Gewaltdebatte. Ähnlich wie vor 25 Jahren
wird dies zum Anlaß für Gesetzesverschärfungen und für den Abbau von
Grundrechten genutzt.
Gleichzeitig lehrt dies aber auch, daß die Bewegung das politische System,
wie bereits in den 60er, 70er und frühen 80er Jahren an einem äußerst
sensiblen und angreifbaren Punkt erwischt hat. Unser Protest ist also auch
erfolgreich und das sollte uns Mut zum Weitermachen geben - trotz oder
gerade wegen der Repression. (J.)
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