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Genua und nun - die Suche nach Perspektiven
Genua und nun - auf der
Suche nach politischen Perspektiven
Die Auseinadersetzung mit Genua bezieht sich immer noch vorwiegend auf die
Gefangenfrage. Der Folgende Text will die die erfolgte Soliarbeit
skizzieren, diskutieren und weitergehende politische Perspektiven radikaler
linker in diese Diskussion miteinbeziehen.
Genua und nun - auf
der Suche nach politischen Perspektiven
ANTI-REPRESSIONSARBEIT
IN DEN LETZTEN DREI MONATEN
Vor einem viertel Jahr war Repression für die Bewegung gegen neoliberale
Institutionen noch ein Randthema. Viele merkten, wie die Bewegung an Stärke
gewann, und legten ihren Schwerpunkt darauf, die Events für diesen Sommer zu
planen, Broschüren wurden geschrieben und verteilt, Vernetzungs- und
Vorbereitungstreffen, Busse organisiert, etc Das es ein Fehler war, zu wenig
Gewicht auf die Repressionsfrage zu legen, zeigte sicht Spätestens im
Zusammenhang mit dem EU-Gipfel in Göteborg. Nachdem AktivistInnen
Einreiseverbote erhalten hatten, wurde deutlich, das die Vorhandenen
Anti-Repressionsstrukturen in Form von EAs und Roter Hilfe noch nicht in der
Lage waren, mit der Internationalisierung des Wiederstandes mitzukommen.
Noch bei den Gipfeln in Salzburg und Genua war eine Rechtshilfe zum Umgang
mit Ausreiseverboten schwer zu bekommen. Informationen über die juristische
Lage nach Festnahmen in Italien waren erst wenige Tage vor dem Gipfel in
deutsch oder englisch zu erhalten und Widersprachen sich teilweise.
Noch fataler ist die Situation nach den Gipfeln: Während sich mit den
Gefangenen aus Genua die Menge der Soliaktionen recht stark entwickelt, sind
die Gefangenen von Göteborg schon fast in Vergessenheit geraten. Nicht, weil
sie wieder frei währen - es gab in den letzten Wochen Haftstrafen von über
einem Jahr - sondern, weil mit Göteborg, Salzburg und Genua gleich drei
Events hochgezogen werden sollten diesen Sommer, dies auch getan wurde und
viele gerade ganz schön k.o. sind und die Regierungen auf zwei dieser Events
scharf geschossen haben und nun zurückschlagen
REPRESSION NACH GENUA,
NGOs UND MEDIEN
Mit der Repression nach Genua sowie dem brutalen Vorgehen der Polizei dort
hat sich in der Medialen Öffentlichkeit wie auch in der Szene einiges
gewandelt. Spätestens jetzt wurde vielen Menschen aus
Nichtregierungsorganisationen in das Bewußtsein geprügelt, daß Polizeigewalt
nicht immer nur Militante Gruppierungen trifft.. Nachdem die Polizei gegen
gewaltfreie Zusammenhänge auf der Demonstration am Samstag, den 21.7. fast
stärker vorging als gegen militante, überfiel sie Abends auf brutalste Art
und Weise die Schule Diaz. Dieses harte vorgehen, daß alle an irgendwelchen
Aktionen gegen den G8-Gipfel Beteiligten hätte treffen können, war eine
Ursache für die Veränderung der Positionen zu Polizeigewalt. Ähnliches gilt
für die noch Inhaftierten. Mit den schwachsinnigsten Beweisen (Besitz eines
Schwarzen T-Shirts, Brotmesse im Auto gehabt) soll Menschen die
Mitgliedschaft in einer angeblichen Organisation Black Block nachgewiesen
werden. In den Göteborg Prozessen hagelt es lange Haftstrafen für Leute, die
lediglich oder teilweise noch nicht einmal Steine geworfen haben sollen.
Selbst die bürgerliche Presse berichtet nach Genua über Polizeigewalt,
Seitenlange Artikel im Stern über arme zerprügelte DemonstrantInnen, die
völlig Gewaltfrei waren und niemals auch nur daran denken würden, einen
Stein in die Hand zu nehmen.
DIE ERFOLGTE LINKE
SOLI-ARBEIT ZU GENUA
"Und ihm kann gar nichts konkretes nachgewiesen werden? oder "gegen Menschen
in einer Schule, die dort überhaupt nichts getan haben? sind Sätze, die sich
auch in der linken Solidaritätsarbeit häufig finden lassen. Es sind Sätze,
die uns juristisch unschuldige Menschen fast näher am Herzen liegend
erscheinen lassen als diejenigen, die wirklich einige Scheiben, die es
verdient hatten, destabilisierten. Das ist, genauso wie die Freude über den
Besuch eines Deutschen Konsuls oder von Grünen-PolitikerInnen in den
Knästen, da es um konkrete Menschen geht die raus müssen, sicherlich mehr
als verständlich. Vielen FreundInnen von uns kann vielleicht wirklich nichts
nachgewiesen werden, und dann ist es in den konkreten Prozessen sinnvoll,
daß auf die Waage zu legen und nicht nur ausschließlich zu argumentieren,
daß ein Staat nicht dazu berechtigst ist über Menschen zu urteilen. Trotzdem
zeichnet sich hier eine Form von Soliarbeit ab, die perspektivisch für
einige der Gefangenen fatale Folgen bekommen könnte. Die Frage, was ist,
wenn vielleicht Leuten doch mal was nachgewiesen werden kann, stellt sich
irgendwann unweigerlich.
Hintergrund der Positionen in der Genua-Soliarbeit ist häufig ein
persönliches Betroffenheitsgefühl und der Wille, erst mal die Gefangenen aus
den Knästen zu holen (auf juristischem Weg), um dann wieder zur
linksradikalen lobbyarbeits-feindlichen Politik zurückzukehren. Doch schon
mit dem Konzentrieren der Soliaktionen auf Italien und dem fast
vollständigen Vergessen der Göteborger Gefangenen kann dieses Konzept als
gescheitert betrachtet werden. Die Herrschenden werden unserer relativen
politischen Stärke auf juristischem Wege viel entgegensetzen.
FÜR EINE POLITISCHERE
SOLIARBEIT
Wir werden, auch wenn das ein sehr, sehr trauriger Punkt ist und wir alles
dagegen tun müssen, damit umzugehen haben, daß vielleicht immer wieder
welche von uns Knaststrafen bekommen werden und sich die Soliarbeit nicht
darauf beschränken kann, sie kurz nach ihrer Festnahme rausholen zu
versuchen und evt.ihnen einen Anwalt zu bezahlen. Wir werden diskutieren
müssen, wie wir generell den Punkt in die öffentlichen Diskussionen
einbringen, daß wir eine politische Bewegung mit klarer Daseinsberechtigung
auch in unseren Ausdrucks- und Aktionsformen sind und somit niemand
legitimiert ist, uns in den Knast zu werfen.
Daß das andere auch passieren muß, ist klar. Doch scheint es momentan eher
so zu sein, daß sich die Positionen in der Soliarbeit vorwiegend auf die
juristische Freilassungsforderung (weil unschuldig) beziehen. Wenn die
Forderung, daß gerade Personen, die ihre politische Kritik auch militant
vorbringen, freigelassen werden müssen, zumindest einen stärkeren Anteil an
der Soliarbeit gehabt hätten, wäre diese deswegen nicht schwächer gewesen.
Im Gegenteil: es hätte mehr Anknüpfungspunkte für Diskussionen um
Perspektiven radikaler Politik gegeben.
Daß das kein einfacher Job ist, erscheint klar. Doch mit dem Göteborg-Bild
(oder mit der Frage, wieviele/wenige sich heute noch um die Prag Gefangenen
kümmern), daß Menschen in den Knästen sitzen werden - und daß wir sie mal so
eben nächste Woche befreien erscheint wohl kaum wem als wahrscheinlich - ein
Umgang her, der nicht die Soliarbeit lediglich als Zusatz oder Alternative
zur inhaltlichen Arbeit werden läßt, sondern der beides miteinander
verbindet. Nur so werden wir es längerfristig vermieden können, von der
Soliarbeit zum politischen Alltag zurückzukehren und die Gefangenenfrage
(wenn auch unbewußt) irgendwo liegen zu lassen.
NEBENEINANDER AGIEREN
STATT SPALTUNGSDISKUSSIONEN AN DER FRAGE DER MILITANZ FÜHREN
Eine Diskussion, die sich mit der Soliarbeit nach Genua verbinden ließe, ist
die Erweichung der Spaltung in militante und gewaltfreie Politik in der
deutschsprachigen Szene. Genua hat, wie oben beschrieben, gezeigt, daß der
Staatsapparat bei seiner Repression kaum Unterschiede zwischen Militanten
und Gewaltfreien macht. Auf der anderen Seite passierte, nicht zuletzt weil
im internationalen Raum die Differenzen zwischen Bewegungen anders verlaufen
als in Deutschland, einiges, was eine dualistische gewaltfrei/militant
Unterscheidung unmöglich werden läßt:
-innerhalb der Zusammenhänge, die als Schwarzer Block bezeichnet werden,
gibt es Differenzen, was die Aktionsformen angeht. Genannt seien nur die
Diskussionen um das zerstören von Kleinwagen oder das Anzünden von Häusern,
in denen Menschen wohnen.
-Diejenigen, die sich als gewaltfrei begreifen, haben sich nicht alle auf
Sitzblockaden beschränkt: Die Attac-Demonstration am Freitag soll sehr
entschlossen gewesen sein und sich nur schwer von den Cs-Gas-Geschossen
zurückdrängen haben lassen. Viele Leute, die nicht geplant hatten, militant
zu agieren, taten, angesichts der Tatsache, daß sie so massiv angegriffen
wurden, Dinge, mit denen sie vorher gar nicht gerechnet hatten.
Einige NGOs scheinen, was den militant/gewaltfrei-Dualismus angeht, gar kein
so riesiges Interesse daran zu haben, eine Spaltung mit aller Kraft
hochzuziehen. Auf der deutschen Homepage von Attac (www.attac-netzwerk.de)
sowie in deren Abschlußerklärungen wird das Thema der Militanz von seiten
der AktivistInnen eher umgangen, was nach dem ganzen Spaltungsparolen nach
den Göteborg-Schüssen deutliche Besserung ist.
Diese Feststellung soll nicht bedeuten, daß es für die radikale Linke
richtig wäre, in jedem Fall mit Attac zusammenzuarbeiten. Eine inhaltliche
Diskussion mit NGOs, an deren Ende auch verschiedene Wege stehen können, ist
sicherlich absolut notwendig. Fatal wäre es jedoch, aufgrund
unterschiedlicher Positionen zu Militanz übereinander herzuziehen. In der
Situation, wo von NGO-Seite teilweise versucht wird, sich an diesem Punkt
nicht zu spalten, wäre es für Militanz-nicht-ablehnende Zusammenhänge
wichtig, hier eine Diskussion zu suchen - eine Diskussion um die Frage, wie
eher militante und eher gewaltfreie Politikkonzepte sich gegenseitig
ergänzen und stärken können.
Hierzu wird die militante Fraktion wohl auch erkennen müssen, daß in Genua
einige Dinge weniger optimal gelaufen sind. So wurde sich am Freitag nicht
aus einer Richtung auf die Rote Zone zubewegt um dann alle Kräfte darauf zu
legen, in diese Einzudringen, sondern sich vor der Roten Zone an parallel zu
den Polizeiabsperrungen bewegt (und dabei Autos, Banken und Geschäfte
angegriffen), was anderen Bewegungen ihren Plan, ihre Route in Richtung der
Roten Zone zu gehen, deutlich erschwerte. Ähnliches passierte am Samstag,
als aus der Demo heraus z.B. direkt neben der Route 10 Meter vom
Convergence-Point entfernt ein Lufthansa-Büro angezündet wurde (und noch so
einiges weiteres zu Bruch ging), was den Demo-Zug für doch recht lange Zeit
aufhielt.
Dies sind Punkte, an denen sich militantere Zusammenhänge überlegen sollten,
ob sich so was perspektivisch eher minimieren ließe, um eben explizit
pazifistischen Zusammenhängen auch die Aktionsmöglichkeiten und den Respekt
zukommen zu lassen, der selbst erwartet wird. Denn klar ist: Militanz und
Gewaltfreiheit müssen nicht in einem unauflösbaren Widerspruch zueinander
stehen. Beide Konzepte können sch gut ergänzen. Nicht zuletzt die Riots
haben die Gipfeltreffen immer stärker ins Licht der Öffentlichkeit rücken
lassen und damit auch für pazifistische Gruppen sowie NGOs die Möglichkeit,
mit ihren Inhalten Gehör zu finden, drastisch erhöht.
SCHILY & CO PLANEN
SCHON DIE NÄCHSTE REPRESSIONSWELLE GEGEN UNS
Die erfolgte Positionierung von Teilen der politischen Öffentlichkeit sowie
der Medienwelt gegen die erfolgte Folter hält diese nicht davon ab, schon
die nächsten Repressionswellen gegen uns zu starten. Die Behauptung, daß "so
etwas wie Genua nur im Berlusconi-Italien? passieren kann, ist keinesfalls
belegt. Wir müssen feststellen, daß es derart große und militante
Demonstrationen wie in Genua in Deutschland sehr lange nicht gegeben hat,
daß die in Italien verantwortlichen Polizeichefs innerhalb der italienischen
Landschaft nicht besonders weit rechts waren und der Einsatz noch am Freitag
abend von seiten führender deutscher PolitikerInen gelobt wurde. "Mit allen
Mitteln gegen die Gewalttäter vorgehen? ist, auch wenn dann die erfolgten
wie das Massaker in der Schule und Carlos Tod Erschrecken hervorrufen, auch
in den deutschen Diskursen vorherrschend. Auch deutsche Cops tragen (nicht
Spielzeug-)Pistolen, auch schon beim G8-Gipfel in Köln standen
Scharfschützen auf den Dächern rum und schwer halten läßt sich die
Behauptung, daß der Polizeieinsatz etwas speziell italienisches war und
nicht ein Symbol für die Zukunft eines Europas der Herrschenden .
Hinzu kommt, daß Grundrechte bei Diskussionen der europäischen Polit-Elite,
wie sie uns weiter angreifen wollen, kaum mehr etwas wert sind, Neben
Schilys Ideen europäischer Polizeieinheiten können wir uns fast sicher sein,
daß die Praxis der Ausreiseverbote zukünftig noch weiter zunehmen wird. Auch
hier zeigt sich, daß diese Verbote relativ willkürlich verteilt wurden,
Teilweise gegen Leute, die noch nie wegen einer Straftat verurteilt wurden.
Das sind Anknüpfungspunkte, an denen wir uns entgegenstellen müssen. Mit der
Position, daß es alle, egal ob welchen Zusammenhängen treffen kann. Und
niemanden, egal aus welchen Zusammenhängen treffen darf.
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