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Was ist der
Grund für die Proteste in Genua?
Gründe
gibt es viele und noch viel mehr Texte....

Wogegen kämpfen wir eigentlich?
"Arbeit. Keiner geht da gerne hin. Alle gehen da hin, gegen die wette,
die sie abgeschlossen haben. Wir gehen alle zur arbeit, stecken unsere
karten in schlitze, lassen uns abstempeln, machen uns mist fühlen, tun
dinge, die uns garantiert nicht interessieren (...). Wer zuerst aussteigt,
hat verloren. Die menschen bemerken das fehlen der sonne nicht. Menschen,
die morgens rausmüssen, zur arbeit müssen, in die kälte müssen. Wie kleine
kinder, die im dunkeln auf diverse strassen gezerrt werden, weinen.
Erwachsene weinen nicht. Müssen raus." (nach: sybille berg, sex II)
Wir kämpfen nicht nur gegen das G8 Treffen in Genua. Wir kämpfen gegen das
G8 Treffen in Genua als Symbol einer Politik die seit dem Ende des 50 Jahre
währenden Wirtschaftswunders den Planeten, die Menschen und die Moral
ruiniert. Gegen den Kapitalismus und für ein Leben im warmen Schein
moralischer Werte wie zum Beispiel du sollst deinen Nächsten nicht
ausbeuten, du sollst nicht in Kauf nehmen dass Leute sterben damit du deine
Profite machen kannst, du sollst nicht in Kauf nehmen, dass das Klima
zerstört, das Wasser verschmutzt und die Arten ausgerottet werden damit du
deine Profite machen kannst.
Es geht nicht nur darum anzuprangern, dass Staaten und deren politische
Vertreter im Namen von aus dem Hut gezauberten Dogmen wie
Wirtschaftswachstum, Freihandel, der sich angeblich zum Wohle aller selbst
reguliert, handeln.
Es geht auch darum, dass die Menschen, die ihre Ersparnisse durch
Aktiengeschäfte aufbessern, sich darüber klar werden, dass ihr Verhalten
eine politische und eine moralische Dimension hat, dass Verhalten ganz
generell eine politische und moralische Dimension hat.
Es geht also letztlich darum, dass wir in einer auf Werte bezogenen
Gesellschaft leben möchten, und dass unsere Gesellschaft die so am Ende ist,
dass sie nur noch armselige Pseudowerte wie Profit, cash und fun, eine
Gesellschaft ist, die sich selbst aus der Umlaufbahn schiesst.
Die Tatsachen (eine Auswahl, thematisch geordnet, nicht im einzelnen belegt,
aus dem Kopf zitiert nach Altvater und Chomsky)
Armutsbekämpfung / Schuldenerlass: Die Industrieländer haben sich
verpflichtet 0,7 % ihres Bruttoinlandproduktes für Entwicklungshilfe
bereitzustellen. Die BRD bringt es auf 0,25%, die USA auf 0,1%. Die
Industrieländer weigern sich die Schulden zu erlassen, weil sie keine
Möglichkeiten sehen, zu kontrollieren wie die Staaten das dadurch
freiwerdende Geld verwenden. Der Schuldenerlass wird an Bedingungen
geknüpft. Die Schuldnerländer sollen Armutsbekämpfungsprogramme einrichten.
Dazu haben die Schuldnerländer keine Mittel. Die neuerlichen Kredite die sie
für solche Programme brauchen würden, werden nicht gewährt.
Die Kapitalmärkte: Das Volumen des internationalen Kapitalmärkte übersteigt
alles was mensch sich vorstellen kann. Die zahlreichen Krisen der
Kapitalmärkte stürzen Gesellschaften ins Aus. Wenn die Kapitalmärkte
zusammenbrechen zahlen dafür nicht etwas jene die das verursacht haben,
sondern Leute die damit noch nie was zu tun hatten.
Als 1994 innerhalb einer Woche 30.000 Milliarden US Dollars aus Mexiko
abgezogen wurden, sankt der Wert des Pesos um die Hälfte, obwohl der IWF
eine astronomische Zuwendung genehmigt hatte (aus Steuergeldern). Die
Gewinne aus den Kapitalmärkten gehen an die Kapitalisten, die Verluste gegen
an die Allgemeinheit.
James Tobin, Nobelpreisträger und Ökonom schlug vor, alle Kapitaltransfers
von einem Land ins andere mit einer Steuer zu belasten. Das würde erstens
die Kapitalmärkte stabilisieren (Krisen vermeiden) und zweitens einen Teil
des auf der Suche nach der grösstmöglichen Rendite um den Globus rasenden
Kapitals im jeweiligen Nationalstaat halten und stünde für humanitäre und
ökologische Projekte zur Verfügung.
In Genua wird eine tobin tax mit dem Argument abgelehnt werden, sie wäre mit
zu hohen Kosten verbunden und würde die Effizienz der Kapitalmärkte stören.
Abgelehnt wurden in der Vergangenheit auch schon die Unterbindung von
Steueroasen, Geldwaschmöglichkeiten und ähnliches.
Wachstum Die Weltbank behauptet, das Wachstum wäre das beste Mittel gegen
die Armut. Das ist eine Fehlannahme, denn es gibt Gegenden in denen die
Wirtschaft wächst, die Leute jedoch verhungern. (Strukturanpassungsmassnahmen,
von IWF und Weltbank Schuldnerländern als Bedingung für die Vergabe von
Krediten aufgezwungen, fordern die Herstellung von Exportgütern statt
lokaler Lebensmittelproduktion, das ist die Ursache von Unterernährung in
80% der Fälle). Ausserdem sind seit 25 Jahren die Zinsen höher sind als die
Rendite, d.h. das was die armen Länder an Zinsen für ihre Schulden zahlen
müssen, ist mehr als was durch Geschäfte zu verdienen ist.
Als Oskar Lafontaine die Realzinsen senken wollte, musste er gehen. Die
Leute die Kapital haben möchten dafür auch viel Zinsen bekommen, und zwar
nicht nur die grossen amerikanischen Pensionsfonds sondern auch die ganz
normalen Leute, die ihr Geld "gut anlegen" möchten. Fragt sich nur was "gut
anlegen" hier bedeutet. Du weisst es?
Demokratie???
Die internationale Politik wird nicht von demokratisch legitimierten Gremien
veranstaltet sondern immer mehr von Sonderkommissionen, "Feuerwehreinsätzen"
etc. über multilaterale Abkommen setzen sich die Staaten nach belieben
hinweg. So etwa tritt die USA unter George W. Bushs Führung nach dem Willen
der texanischen Ölindustrie vom Klimaschutzabkommen von Kyoto zurück, oder
die UNO Charta, die Kriegshandlungen nur zum Zwecke der Notwehr erlaubt,
wird mit dem zynischen verweis auf ?innere Agressionen?, die angeblich von
den überfallenen Staaten ausgehen, mit Füssen getreten, wenn es darum geht
ein Land zu überfallen, das den USA wegen seiner Sozialprogramme unangenehm
auffällt ...
Die anderen beiden wichtigen Institutionen mit denen internationale Politik
gemacht wird, abgesehen von informellen Treffen wie G7/G8/G10, die Weltbank
und der Internationale Währungsfonds, funktionieren ebenfalls
undemokratisch. Der Stimmenanteil im IWF bemisst sich nach der Höhe des
Beitrags, den ein Beitrittsland bezahlt und nicht etwa nach demokratische
Kriterien wie etwa der Einwohnerzahl des jeweiligen Landes. So sind Länder
wie Indien und China z.b. krass unterrepräsentiert. Das Sagen haben die USA
und die Industrienationen.
Die demokratisch nicht oder nur mangelhaft legitimierte internationale
Politik zielt in ihrer ganzen Tendenz darauf ab, Firmen ihre
Investitionstätigkeit in aller Welt zu erleichtern. (Sagt euch das
MAI-Abkommen was?) Jeder Fleck der Welt soll zu einem Ort werden auf dem
kapitalistischer Unternehmergeist, sofern mit genügend Startkapital
versorgt, Profit machen kann (vgl: Chomsky: "Die Fünfte Freiheit"). Niedrige
soziale und ökologische Standards werden dabei ebenso ausgenützt wie
Startvorteile gegenüber einheimischen Unternehmen durch grosses
Investitionskapital, das einheimischen Unternehmen oft nicht zur Verfügung
steht. So wird der Globus mit einem Netz aus Ausbeutung und Umweltzerstörung
überzogen, dem nach Möglichkeit alle tatenlos zusehen sollen.
Es ist schwierig mit einer solchen Aufzählung von Tatsachen aufzuhören sie
lässt sich ins Unendliche fortsetzen. Hat mensch einmal damit begonnen, sich
mit der Materie zu befassen, so beginnen alle Nachrichten aus Radio oder
Fernsehen, die von internationaler Politik handeln, wie unerträgliche
Zynismen in den Ohren zu schmerzen.
Presse/Medien:
Einer der gespenstischsten Faktoren an dem Ganzen, ist, dass die
kommerzielle Presse von diesen Tatsachen und Zusammenhängen nur in grotesk
entstellter Weise berichtet.
Die politische Führung der Industrienationen kann voll auf die Unterstützung
der kommerzielle Presse zählen, egal wie viele 100.000 Besitzlose Bauern in
Indonesien gerade abgeschlachtet werden. Bekannt wird nur was bekannt werden
soll. Das MAI wurde nicht durch einen einhelligen Aufschrei in der
internationalen Presse abgewandt, sondern durch kanadische und französische
Bürgerrechtsbewegungen.
Wir können das alles ändern. Aber wir werden nicht umhinkommen uns dafür ein
bisschen anzustrengen. Das entscheidende ist, den Leuten da draussen vor
ihren Fernsehapparaten zu vermitteln, was wirklich abgeht. Und nicht
vergessen: "Auschwitz ist der Altar des Kapitalismus."
(Heiner Müller)
Zen (kanalB) Genua
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