01.09.2002 17:42
Blutiges Wochenende im Nahen Osten
Palästinenser brechen Gespräche mit Israel ab
Die Palästinensische Autonomiebehörde hat vorerst alle geplanten Gespräche mit Vertretern der israelischen Regierung ausgesetzt und dies mit der Tötung mehrerer palästinensischer Zivilisten durch Soldaten der israelischen Armee begründet.
Informationsminister Jassir Abed Rabbo wurde
im israelischen Rundfunk mit den Worten zitiert, die Kontakte der
Autonomiebehörde zu Israel würden solange eingefroren, bis es eine
internationale Intervention gebe. Israel sei nicht an einem Dialog mit der
Autonomiebehörde gelegen, sondern es versuche diesen durch Tötungen von
Palästinensern zu torpedieren.
Der Berater von Palästinenserpräsident Jassir Arafat, Nabil Abu Rudeinehm, hatte
zuvor eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
gefordert. Der palästinensische Kommunalminister und Chefunterhändler Saeb
Erekat appellierte an die Staaten der Europäischen Union, sich um den Schutz
palästinensischer Zivilisten zu kümmern und die Bemühungen um eine neue
Friedensinitiative vorerst ruhen zu lassen.
Soldaten erschießen vier Palästinenser
Unmittelbarer Anlass für die vorläufige palästinensische Absage von Gesprächen
mit Israel war die Tötung von vier Palästinensern am Sonntag gewesen, die auf
einem offenen Feld von israelischen Soldaten erschossen worden waren. Nach
palästinensischen Angaben waren die vier Männer auf dem Nachhauseweg von einer
Nachtschicht, als sie nahe der palästinensischen Ortschaft Bani Naim bei Hebron
im Westjordanland erschossen wurden.
Israelischen Armeeangaben zufolge hatten die vier Männer jedoch unerlaubterweise
das zu der jüdischen Siedlung Kiriat Arba gehöriges Feld betreten. Sie hätten
die Absicht verfolgt, die Siedlung zu überfallen. Die Männer hätten Drahtscheren
bei sich getragen, mit denen sie in die gesicherte Siedlung hätten eindringen
wollen. Waffen seien jedoch keine gefunden worden.
Auf der Beerdigung der getöteten Männer schworen Mitglieder der radikalen
Islamistengruppen Hamas und Heiliger Krieg Vergeltung. Ebenfalls am Sonntag
wurde ein Palästinenser von israelischen Soldaten im Flüchtlingslager von
Dschenin erschossen. Der 18-Jährige habe das Feuer auf einmarschierende
israelische Soldaten eröffnet, hieß es im Rundfunk.
Vier weitere Tote bei Rakentenangriff
Bereits am Samstag waren bei einem Raketenangriff israelischer Hubschrauber auf
das fahrende Auto eines Hamas-Aktivisten in Tubas bei Dschenin im Westjordanland
neben dem militanten Palästinenser mindestens zwei palästinensische Jugendliche
und zwei palästinensische Kinder getötet worden Ein Sprecher der Armee hatte am
Wochenende den Angriff mit einem unmittelbar bevorstehenden palästinensischen
Anschlag in Israel gerechtfertigt.
Zugleich hatte das Verteidigungsministerium eine Erklärung Benjamin Ben-Eliesers
veröffentlicht, wonach der Verteidigungsminister den Tod der vier Zivilisten
bedauere und dessen Umstände nun untersucht würden. Der palästinensische
Planungsminister Nabil Schaath hatte den Angriff am Samstag als „schmutziges
Verbrechen“ bezeichnet.
(SZ vom 2. September 2002)