In
den Sumpf - Kein Klares Ende für Krieg in Afghanistan
Übersetzung eines George Monbiot Artikels aus dem Guardian über die tatsächlichen Aussmasse der "humanitären Hilfe" der US Streitkräfte in Afghanistan.
Kein Klares Ende für Krieg in Sicht
von George Monbiot
The Guardian, 9 Oktober 2001
(Z-Net Webseite
Vor zwei Wochen verglich der
US-Unterminister für Verteidigung, Paul
Wolfowitz, Afghanistan mit einem Sumpf, der trockengelegt werden müsste, um
die Schlangen zu fangen die sich darin verstecken. Seine Analogie könnte
zutreffender sein als er beabsichtigte. Es ist nämlich, wie jederman weiss,
schwerer aus einem Sumpf herauszukommen als hineinzugeraten.
Am Sonntag nacht machte der
Westen seinen ersten, unwiderkehrlichen Schritt
in den Sumpf. Er könnte sich als der einzig leichte, auf einer mehr als
unsicheren Reise herausstellen. Aber es gibt jetzt kein Zurück mehr. Wenn
man einmal eine militärische Aktion eingeleitet hat, ist man ihr
verpflichtet, und alle weitere Abenteuer in Afghanistan werden bewaffnet
sein müssen. Es ist nicht klar ob die britische und die US Regierungen diese
weitreichenden Implikationen vollständig begreifen.
Gestern morgen, ungefähr 15
Stunden nach Beginn der Luftangriffe, gaben die
Vereinten Nationen bekannt, die Nahrungskonvoys nach Afghanistan eingestellt
zu haben. Von nun an, und so lange der Konflikt anhält, würde die humanitäre
Hilfe, von der sowohl Bush als auch Blair versprochen hatten sie würde eine
integrale Komponente dieser Kampagne sein, hauptsächlich durch die
bewaffneten Streitkräfte verteilt werden müssen. Sie scheinen nicht viel
Ahnung davon zu haben, was diese Verantwortung erfordert.
Die bisherige militärische
Antwort auf die Krise des Landes, hat die Form
von 37,500 gelbe Rationspackungen angenommen, die von Transportflugzeuge
über Regionen abgeworfen werden, in denen vermeintlich hungrige Menschen
leben sollen. Jede Packung beinhaltet ca. 2,200 Kalorien: knapp genug um
eine Person ein Tag lang am Leben zu erhalten.
Wenn Sie, wie es einige
Kommentatoren tun, glauben, dies sei eine
beeindruckende oder gar sinnreiche Operation, rate ich Ihnen dringend eine
einfache Rechnung anzustellen. Nach Schätzungen der UN gibt es in
Afghanistan 7.5 Millionen hungrige Menschen. Wenn jede Rationspackung eine
hungernde Person erreicht hätte, dann sind durch die humanitäre Leistung am
Sonntag zwei Hundertstel der Betroffenen ernährt worden. Das US
Verteidigungsministerium hat verkündet, weitere zwei Millionen dieser
Packungen zu besitzen, die es vielleicht bereit wäre abzuwerfen. Wenn sie
das sind, könnten sie damit 27% der Verhungernden, ein Tag lang ernähren.
Vier Wochen sind noch übrig,
bevor in Afghanistan der Winter einbricht,
während denen genug Nahrung geliefert werden muss, um bis März zu reichen.
Die U.S. sind jedoch, nach bester eigener Einschätzung, nur bereit soviel
abzuwerfen, um kaum ein Viertel des Bedürfnisses eines einzigen Tages
abzudecken.
Einige dieser Rationen
werden natürlich verloren gehen. Viele, vielleicht
die meisten, werden von Menschen verzehrt werden, die von der Gefahr des
Verhungerns nicht unmittelbar bedroht sind, da sie viel mobiler sind als die
ernsthaft Hungrigen, und viel besser dazu in der Lage die Packungen zu
erreichen. Einige werden unberührt bleiben. Eine der kriegsführenden
Parteien könnte herausfinden, dass eine effektive Art seine Feinde zu
eliminieren darin besteht, den Inhalt dieser Packungen zu entfernen, und ihn
mit Sprengkörper zu ersetzen. Das ist nur eins der Probleme, die mit der
Grosszügigkeit aus einer Höhe von 20.000 Fuss einhergehen: niemand kann
vollständig sicher sein, wessen Grosszügigkeit sie gerade dabei sind zu
geniessen.
Darüberhinaus ist der Nutzen
eines jeden Ernährungsprogramms, höchst
eingeschränkt, wenn er nicht sorgfältig gezielt wird. Menschen in
verschiedenen Stadien des Verhungerns benötigen verschiedene Massnahmen.
Kinder, besonders Kleinkinder, sind gefährderter als andere. Aber alle
Packungen die über Afghanistan abgeworfen werden sind identisch, und alle
sind sie nur dafür ausgestattet Erwachsene zu ernähren. Die Packungen
enthalten sowohl Nahrung als auch Medikamente, aber anders als Hilfsarbeiter
am Boden, können die Piloten
die sie liefern keine Diagnose anbieten. Diese
Allgemeinverschreibung ist aller Aussicht nach entweder nutzlos oder
gefährlich.
Also haben westliche
Regierungen etwas terminiert, was ein effektives
humanitäres Programm hätte sein können, und es durch eine leere Geste
ersetzt. Darüberhinaus haben die Bombenangriffe Tausende veranlasst ihre
Häuser zu verlassen und zu fliehen. Dennoch bleiben die Grenzen Afghanistans
geschlossen, während die Auffangslager, die die UN in Pakistan errichtet,
erst in zwei Wochen fertiggestellt sein werden. Die Flüchtlinge können
nirgendwo hin. Die Militärschläge, so erklärte der US Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld, würden "Bedingungen für anhaltende... humanitäre
Operationen in Afghanistan schaffen". Bisher haben sie genau das Gegenteil
davon getan.
Aber der Zweck der
Lebensmittelabwürfe ist nicht die Verhungernden zu
ernähren, sondern ihnen zu erzählen, dass sie ernährt würden. Präsident Bush
erklärte am Sonntag, durch diese Packungen würden "die unterdrückten
Menschen in Afghanistan die Grosszügigkeit Amerikas und unserer Verbündeten
kennen". Sie werden sie kennen, denn sie wissen, dass Gesten sie nicht
ernähren werden. Der Hunger erträgt kein Verstellen. Er erfordert Nahrung,
nicht den Anschein von Nahrung.
Diese Zurschaustellung von
Grosszügigkeit soll natürlich sowohl sie als auch
uns beeindrucken. Die gelben Packungen die über die Minenfelder des Hindu
Kush dahintreiben, werden wahrscheinlich das einzige sein, das wir in den
nächsten Tagen von der humanitären Krise in Afghanistan zu sehen bekommen
werden. Die Hungrigen werden leise sterben, auf vergessene Pfade durch die
Berge, zusammengekauert hinter Felsen, die Strassen verlassener Städte
absuchend, auf leere Felder nach Wurzeln grabend. Die Satelliten, die
Patronenhülsen zählen können die hinter einer Haubitze gestapelt sind,
können nicht in die Gesichter der Verhungernden spähen.
Und wenn, irgendwie, eine
vernünftige humanitäre Mission wiederaufgenommen
werden sollte, könnte sich die von Bush und Blair hergestellte Verbindung
zwischen Hilfe und Militäroperation, die sich daheim so gewagt und
mitfühlend angehört hat, in Afghanistan als verhängnisvoll erweisen. Wenn
humanitäre Programme weiterhin als Teil der militärischen Offensive
betrachtet werden, dürften wir damit rechnen, dass die verstreute Guerrilla
eines teilweise zerstörten Regimes sich in die Ernährungszentren
einschleicht, um ein paar Handgranaten in die Menge zu werfen.
Während es nicht schwer ist
vorauszusagen wie die humanitäre Operation enden
könnte, ist es viel schwieriger zu sehen, wie die militärische Mission
abgeschlossen werden könnte. Der Taliban hat gelobt "bis zum letzten
Atemzug" zu kämpfen. Während viele ihrer Rekruten desertieren werden, wird
der harte Kern wahrscheinlich genau das tun. Sie haben sich irgendwann kurz
vor den Angriffen am Sonntag zerstreut. Ihre Flakgeschütze, Tanks und
Flugzeuge waren peripheral zu der Vorgehensweise dessen, was im Grunde immer
eine Guerrillamacht gewesen ist. Sie zu konfrontieren wird, wie russische
Veteranen gewarnt haben, sein, als ob wir auf dünne Luft einschlagen. Donald
Rumsfeld hat den "Sieg" als den "inneren Zusmmenbruch" des Talibans
definiert. Aber das ist nicht Sieg, sondern nur der Anfang der nächsten
Kriegsphase.
Wenn, wie Bush und Blair
behaupten, ih Ziel darin besteht Afghanistan im
besseren Zustand zurückzulassen als sie es vorgefunden haben, dann ist der
Westen verpflichtet ihn gegen alle Unterdrücker zu beschützen, wer sie auch
immer sein mögen. Dies bedeutet auch, dass wenn die Nördliche Allianz in die
von der nominellen Niederlage des Taliban hinterlassenen Leerstelle tritt,
und nicht die "breite Regierungsbasis" zusammengesuchter Extremisten
errichtet, die dem Westen vorschwebt, sondern eine enge Regierungsbasis
homogener Extremisten, wir dann auch sie bekämpfen werden müssen.
An welchem Punkt also hören
wir auf zu kämpfen? An welchem Punkt wird der
Rückzug entweder ehrenhaft oder verantwortungsvoll? Sind wir, nachdem wir
seine Streitkräfte angegriffen haben, verpflichtet Afghanistan auf ein
ständiges Protektorat zu reduzieren? Oder werden wir alle Verantwortung über
Bord werfen sobald es unmoglich wird die militärische Gewalt weiterhin
aufrechtzuerhalten?
Die Konsequenzen dieses
endlosen Krieges könnte für den Westen gefährlich
sein. Für Afghanistan könnten sie tödlich sein.
____________________________________
Etwa 400 Essays von George Monbiot sind nun
online bei
* * *
(übs. von Dana)