Nach neuntägigen Hinterzimmer-Verhandlungen hat die UNO-Konferenz auf dem Petersberg eine Einigung gebracht. Die Vereinten Nationen behaupten, der erste Schritt zu einer "breit angelegten und voll repräsentativen Regierung" sei vollzogen. Bei der Unterzeichnungszeremonie am Morgen des 5. Dezembers erklärte Bundesaußenminister Fischer feierlich, die Menschen in Afghanistan hätten nun eine "konkrete Friedensperspektive".
Näher an der Wahrheit liegt der ehemalige
afghanische Minister Ghulam Farukasam: "In Bonn
wird jetzt wieder eine Regierung der Warlords eingerichtet statt einer des
Friedens." In der neuen afghanischen Regierung
sitzen dieselben Verbrecher, die Afghanistan vor der Machtübernahme der
Taliban schon einmal beherrschten. Zwei "Parteien" haben sich auf die
Aufteilung der Ministerämter, der Macht und der damit verbundenen Pfründe
geeinigt: Die "Rom-Gruppe" um den ehemaligen König Zahir Schah und die
Nordallianz. Letztere ist eine brüchige Koalition von Kriegsherren und
Drogenbaronen, deren Truppen sich aus unterschiedlichen Volksgruppen
zusammensetzen. Die Bilanz ihrer Herrschaft 1992 bis 1996 belief sich auf
mehr als 50.000 tote Zivilisten, die in Machtkämpfen zwischen verfeindeten
Kriegsherren starben. Gul Agha, vor den Taliban Oberhaupt von Kandahar, und
seine Kämpfer kehren nach der Wiedereroberung Kandahars zu ihren alten
Gewohnheiten zurück – Morden, Plündern und Vergewaltigen. Die zweite Kraft
innerhalb der neuen Regierung um den ehemaligen König Zahir Schah ist von
der afghanischen Bevölkerung genauso weit entfernt wie die Nordallianz. Vor
dreißig Jahren gab es unter ihm eine Hungersnot in Afghanistan.
Der König weigerte sich die Getreidespeicher zu öffnen. Um die 100.000
Afghanen starben den Hungerstod.
Kolonie
Die Übergangsregierung, die unter Druck
der USA und der Vereinten Nationen ausgehandelt wurde, ist eine brüchige
Koalition von Gangstern. An ihrer Spitze steht mit Präsident Hamid Karsai
ein Vertrauter der USA.
In den 80er Jahren war er als Verbindungsmann zwischen dem amerikanischen
Geheimdienst CIA und den Mudschahedin tätig. Ebenso wie die USA unterstützte
er später die Taliban.
Aber sollte die Koalition zerbrechen, übernimmt ein UN-Gesandter die
Regierung mit diktatorischen Vollmachten – abgesichert durch dort
stationierte, hauptsächlich amerikanische, UNO-Truppen.
Unter dem Deckmantel der Vereinten Nationen errichten die USA ein
quasi-koloniales Regime in Afghanistan. Die afghanische Bevölkerung hat in
dieser Regierung keine Stimme und Wahlen wurden in die entferntere Zukunft
verschoben.
Um ihre Marionettenregierung an der Macht zu halten, werden die USA darauf
angewiesen sein, die einzelnen Kriegsherren Afghanistans gegeneinander
auszuspielen – und immer weiter Öl ins Feuer gießen.
von Bernhard Seidl
Linksruck Nr. 120, 12. Dezember 2001