Drei Jahre Dürre in Folge hatte die Menschen in Afghanistan, vor allem auf dem Land, ruiniert. Aber trotz wachsender Armut konnte die Katastrophe dank der Lieferungen der internationalen Hilfsorganisationen verhindert werden. Sie versorgten etwa 5,5 Millionen Menschen.
Seit Ende September, als sich die
Anzeichen für einen drohenden US-Angriff verdichteten ist alles anders. Die
Taliban bereiteten sich auf den Krieg vor und ließen die Hilfsorganisationen
nicht mehr frei arbeiten.
Beispiel Kandahar: Kris Janowski, Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerkes,
berichtet, dass seit dem rund 400.000 Menschen in dieser Region aus
Sicherheitsgründen nicht mehr erreichbar sind.
Viele Menschen, die wegen der Dürre in die Städte geflohen waren, um Hilfe
empfangen zu können, waren jetzt den Bomben ausgesetzt. Einer von ihnen war
der Schafhirt Abdul Haque, 26.
Er erzählt: "Wir flohen vor der Dürre als alle
unsere Schafe tot waren. Dann fielen die Bomben bei Kandahar, also flohen
wir wieder.
Feuerholz
Jetzt haben wir nichts, nicht einmal
Feuerholz. Wenn wir versuchen, Hilfe zu bekommen, schlägt die pakistanische
Grenzpolizei auf uns ein, sogar auf die alten Frauen und Kinder."
Er lebt mit drei Familien in einem selbstgebauten Zelt an der pakistanischen
Grenze in Afghanistan.
Wegen der Bomben und dem Vormarsch der Nordallianz sind über 1,5 Millionen
Afghanen geflohen. Mitte Januar stecken 13.000 an der Grenze zu Pakistan
alleine in der Region Kandahar fest, 40.000 weitere Flüchtlinge werden in
den nächsten Tagen erwartet. Das Flüchtlingslager auf der anderen Seite der
Grenze ist mit 70.000 Insassen bereits Überfüllt, die Grenzpolizei lässt
niemanden mehr über die Grenze.
Ein anderer Flüchtling berichtet: "Meine Frau hat
gerade entbunden und sie und das Kind sind krank. Ich haben versucht einen
Arzt zu besuchen, aber die Polizei hat mich mit Schlägen zurückgedrängt. Ich
habe nichts und ich weis nicht, was ich tun soll."
Nordallianz
Neben den Bomben sind die Truppen der
Nordallianz die größte Fluchtursache. Denn es gab nicht nur Massaker an
Soldaten der Taliban, wie in Massar-i-Sharif und Kundus, sondern auch an der
Zivilbevölkerung, an den jeweils anderen Ethnien und vor allem an Frauen.
Ghulam Nabi, 28, floh mit seiner Familie aus der nördlichen Provinz Farhyab,
als im Dezember die Taliban geschlagen wurden.
"Viele von meinem Volk würden gerne vor der Gefahr im Norden fliehen, aber
sie sind eingeschlossen."
Mit den Taliban ist auch das staatliche Gewaltmonopol zusammengebrochen und
die Menschen sind den marodierenden Banditen ausgesetzt. Deswegen kommen die
Hilfslieferungen außerhalb weniger Städte nicht an.
In nördlichen Regionen mischen die Menschen Gras mit ein wenig Mehl und
Wasser und backen daraus "Brot". In den Dörfern weiter oben in den Bergen
haben die Menschen nicht einmal mehr Mehl.
Katastrophe
Mittlerweile sind 7,5 Millionen Afghanen
von den Lieferungen der Hilfsorganisationen abhängig. Der Krieg hat zu einer
humanitären Katastrophe geführt.
Weil die Hilfe für diese dramatische Situation nicht ausreicht, und oft auch
nicht ankommt, sind in den kommenden sechs Monaten rund 128.000 Kinder akut
gefährdet. Jedes vierte Kind stirbt bereits jetzt, bevor es fünf Jahre alt
wird, berichtet das UN-Kinderhilfswerk.
All das war vorher abzusehen. Bereits Mitte September warnte Rupert Neudeck
von der Hilfsorganisation Cap Anamur: "Wenn wir
jetzt nichts tun, droht uns die größte Flüchtlingswelle seit Jahrzehnten."
Und der Sonderberichterstatter des
UN-Hochkommissars für Menschenrechte zum Thema Recht auf Nahrung, Jean
Ziegler, stellte Anfang Oktober fest: "Der minimale
Anstand der Weltöffentlichkeit müsste sein: Stop des Bombardements, sofort.
Massive Nahrungsmittelhilfe.
Winter
In drei Wochen setzt der Winter ein, und
vier Fünftel des Landes, 650.000 Quadratkilometer, sind nicht mehr befahr-
und begehbar. Die Transporte werden so schon schwer genug sein. In
Afghanistan steht eine humanitäre Katastrophe unglaublichen Ausmaßes bevor
und wir schauen zu"
Angesichts dieser Folgen, die der von Gerhard Schröder "uneingeschränkt"
unterstützte "Krieg gegen den Terrorismus" gebracht hat, erscheint es fast
lächerlich, ja heuchlerisch, dass die Bundesregierung die notdürftige
Reparatur von 15 Schulen in Kabul finanziert hat.
In Betrieb genommen werden können diese Schulen allerdings bislang nicht.
"Leider sind die Versprechen nicht ernst genommen worden und deswegen haben
wir jetzt Schwierigkeiten, die ausgebliebenen Gehälter der Beamten zu
zahlen", beschwert sich der afghanischer Minister für Wiederaufbau Amin
Farhang darüber, dass die afghanischen Auslandskonten immer noch eingefroren
sind.
Linksruck Nr. 122, 22. Januar 2002