"Sie gehen auf dem Wasser. Sie sehen nur noch ihre Allmacht. Der Rest interessiert sie nicht", gab ein britischer Offizier nach seinem Besuch im amerikanischen Hauptquartier über die dortige Stimmung zu Protokoll. Ob diese Euphorie im Weißen Haus und im Pentagon gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage.
Eric Margolis, ein Experte für die Region, kommentierte
in der Los Angeles Times: "Während die Bush-Regierung damit
beschäftigt war, Afghanistan in Stücke zu reißen, um bin Laden zu finden,
ist ihr entgangen, dass die Russen die Hälfte des Landes übernahmen.
Diesen Sieg erreichten die Russen durch ihren Verbündeten, die Nordallianz.
Moskau, das die Allianz seit 1990 unterstützt, hat sie nach dem 11.
September wiederbewaffnet, mit neuen Panzern, bewaffneten Fahrzeugen,
Artillerie, Helikoptern und Lastwagen."
Margolis schrieb, dass zur Verärgerung der USA und Pakistans "die Russen die
Nordallianz drängten, auf Kabul zu marschieren, in klarer Zuwiderhandlung zu
Bushs Anweisungen.
Die Russen haben wieder Einfluss in Afghanistan gewonnen, ihre Niederlage
gegenüber den USA in dem Krieg der 80er Jahre wettgemacht, und die
Bush-Regierung geschickt matt gesetzt."
Kabul
Die Nordallianz eroberte Kabul, und versucht Afghanistan ihren Stempel
aufzudrücken. Sofort übernahm sie die drei Schlüsselministerien: das
Außenministerium, das Innenministerium und das Verteidigungsministerium. Ihr
Führer, Burhanuddin Rabbani, ernannte sich zum Staatsoberhaupt.
Aber die USA waren nicht bereit, der Nordallianz freie Hand zu lassen. Ohne
einen eindeutigen Verbündeten in Afghanistan versuchten die USA
sicherzustellen, dass keine Gruppe ein Machtmonopol aufbaut. Richard
Armitage, der stellvertretende Außenminister, beschrieb das Ziel: "eine sehr
lose zentrale Regierung, mit sehr wenig Macht".
Die USA und die UNO drängten darauf, dass neben der Nordallianz verschieden
Gruppen und Führer aus der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit an die Macht
gebracht werden, während sich die Nordallianz hauptsächlich aus Tadschiken,
Usbeken und anderen Bevölkerungsgruppen zusammensetzt.
Es war aber nicht klar, ob die Nordallianz das akzeptieren würde.
Bezeichnenderweise landeten Mitte November 160 britische und amerikanische
Spezialkräfte auf dem Bagram-Flugplatz, einem strategischen Punkt nördlich
der Hauptstadt Kabul.
Der Afghanistan-Kenner Ahmed Rashdi meinte in einem taz-Interview, dass UNO
und USA den Kriegsherren mit "Zuckerbrot und Peitsche" ihren Willen
aufzwingen.
Ausland
Die meisten der Fraktionen in der Nordallianz werden von verschiedenen
fremden Mächten unterstützt. Russland und Iran haben beide die Nordallianz
unterstützt, und unterhalten enge Verbindungen mit bestimmten Gruppen
innerhalb der Allianz.
Ebenso hat Indien die Nordallianz unterstützt, um ein Gegengewicht zu seinem
Rivalen Pakistan zu haben, das die Taliban unterstützte, und jetzt versucht
andere paschtunische Gruppen aufzubauen.
Diese Rivalitäten zwischen den fremden Mächten, allen voran zwischen
Russland und den USA, können den Bürgerkrieg in Afghanistan vertiefen.
Schon in den 80er Jahren heizten die Supermächte USA und UdSSR einen
Bürgerkrieg in Afghanistan an. Die USA pumpte sechs Milliarden Dollar nach
Afghanistan, um ihrem sowjetischen Rivalen eine Niederlage zuzufügen.
Nachdem die UdSSR den Krieg verloren hatte, kehrten die USA dem Land den
Rücken und überließen die Bevölkerung den Machtkämpfen der siegreichen
Kriegsherren. 50.000 Zivilisten starben in einem Machtkampf zwischen den
Kriegsherren Massoud und Hekmatjar, als letzterer Kabul bombardierte.