Das andere Amerika!
Die scheinbar überwältigende Unterstützung Bushs in der Bevölkerung für einen Militärschlag gegen den "Terror" bröckelt: 15.000 Menschen protestierten am 29.9. in Washington gegen Krieg und Rassismus – 25.000 insgesamt in den USA.
"Auge um Auge – da erblindet die Welt" stand auf Transparenten, "Krieg ist keine Lösung" wurde gerufen. Christliche Initiativen und bekannte Kritiker amerikanischer Außenpolitik standen Seite an Seite mit antikapitalistischen Jugendlichen und Gewerkschaftern. In vielen anderen amerikanischen Städten bot sich seit dem 11.9. ein ähnliches Bild. Schon in der ersten Woche nach den Terroranschlägen gab es an 146 Universitäten Protestkundgebungen. In den USA bildet sich eine neue Friedensbewegung.
Organisiert werden diese Proteste auch und gerade von den Menschen, die schon in Seattle, Washington und Quebec gegen die "ökonomische Gewalt" der neoliberalen Globalisierung demonstrierten. Sie sehen die Verbindung von sozialer Verelendung und dem Aufkommen von Terror. Über breite Bündnisse wie das "International A.N.S.W.E.R." (Act Now to Stop War & End Racism), International Action Center (IAC) und die Anti-Capitalist-Convergance (ACC) organisierten sie so auch am 29.9. eine lebendige Demonstration, deren Teilnehmerzahl sämtliche Organisatoren positiv überraschte. Sogar einige Feuerwehrleute nahmen teil.
Die Kritik der Kriegsgegner ist fundiert. So argumentiert Brian Becker, der Veranstalter, die Anschläge am 11.9. seien nicht die erste Schlacht in einem Krieg gewesen: "Die USA haben zehntausende Soldaten im Nahen Osten stationiert. Sie besetzen Saudi-Arabien, sie bombardieren jede Woche Irak, sie setzen Wirtschaftssanktionen durch, die so schrecklich sind, daß [den Vereinten Nationen zufolge] 1,5 Mio. Menschen gestorben sind." Die Gefahr einer Eskalation der Gewalt sei real: "Wenn wir Präsident Bush und die NATO nicht daran hindern, einen neuen, weiteren Krieg im Mittleren Osten durchzuführen, wird die Zahl unschuldiger Opfer von Tausenden auf Zehntausende und wahrscheinlich mehr anwachsen." Und im Demo-Aufruf wird gefordert: "Wir müssen auch gegen Rassismus aktiv werden. Muslime in den Vereinigten Staaten, in Europa und anderswo, sind mit rassistischen Angriffen und Belästigungen konfrontiert."
Im Vergleich mit den ersten Jahren der Bewegung gegen den Vietnam-Krieg sind wir daher schon weiter. Zu Beginn des Krieges 1964, so Noam Chomsky, ein bekannter Sprachwissenschaftler, "hätte niemand vorhersehen können, dass eine ernsthafte Opposition gegen den Vietnamkrieg zustande kommt [Ein Hauptgrund für den Rückzug der USA aus Vietnam]. Noch 1966 konnten wir in Boston, einer liberalen Stadt, keine öffentlichen Meetings veranstalten, weil diese durch Studenten und andere gesprengt wurden."
Die heutige Friedensbewegung, die sich auch aus den Erfahrungen, Inhalten und Organisationszusammenhängen der Bewegung gegen kapitalistische Globalisierung speisen kann, hat gute Möglichkeiten, sich auf breite Teile der Bevölkerung zu orientieren, um eine wirksame Kraft zu werden. Chomsky schreibt: "Man muss unterscheiden zwischen den Medien und der öffentlichen Meinung. Die öffentliche Meinung ist beherrscht vom Schock, von Wut und Angst, aber bei weitem nicht so uniform und hysterisch, wie die Berichterstattung glauben macht. ... Die Frage ist, ob die Sorgen der Bevölkerung in einen Druck münden, sich dem Hintergrund dessen hinzuwenden, was da passiert ist." Es liegt an der neuen Bewegung, dies voranzutreiben.
Von Tobias ten Brink
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