Kennyboy im Weißen Haus

Landschaftspflege auf Texanisch: Der Energieriese Enron stattete großzügig Republikaner wie Demokraten aus - und hoffte auf Rettung vor der Pleite.
sich einiges auf seine vorzüglichen Kontakte zum Big Business zugute. Er selbst war früher ja auch im Ölgeschäft tätig, genauso wie Vizepräsident Richard Cheney. In seinem Heimatstaat Texas ist so ziemlich jeder Politiker, der etwas werden will, um Einvernehmen mit den großen Energiekonzernen bemüht.

Aus Bushs Sicht hat es auch seine Ordnung, dass in Amerika die alte politische Arbeitsteilung nach wie vor in Kraft ist: Die Republikaner stellen sich gut mit den Konzernen, die Demokraten mit den Gewerkschaften.

Die Symbiose zwischen der Bush-Kamarilla und dem texanischen Energiekonzern Enron geht allerdings ziemlich weit. Der Präsident ist dem Vorstandsvorsitzenden Kenneth Lay, den er "Kennyboy" nennt, lange Jahre persönlich verbunden. Dazu tat Enron einiges für die Pflege der politischen Landschaft: Über vier Millionen Dollar gingen seit 1990 an die Republikaner.

Mehr noch: Der Washingtoner Enron-Lobbyist Marc Racicot wurde auf Bushs Wunsch Vorsitzender der Republikanischen Partei, während der Enron-Berater Robert Zoellick Handelsbeauftragter wurde; seinen Kollegen Lawrence Lindsay machte Bush zum Chefökonomen im Weißen Haus. Vizepräsident Cheney empfing sechsmal Interessenvertreter aus Houston, ehe er das neue Energiekonzept formulierte - das konzerngefällig ausfiel.

Solche Hand- und Spanndienste verstoßen in Amerika nicht prinzipiell gegen das Sittengesetz. Aber Enron legte am 2. Dezember die größte Pleite in der Geschichte des amerikanischen Kapitalismus hin. Seitdem ermitteln Staatsanwälte wegen des Verdachts auf Betrug und Bilanzfälschung gegen den gerade eben noch siebtgrößten Konzern des Landes. Und seit voriger Woche stehen alle Ingredienzen bereit für den ersten großen politischen Skandal der Regierung Bush.

Zuerst gaben Finanzminister Paul O'Neill - bis 1999 Vorstandsvorsitzender des weltweit größten Aluminiumherstellers Alcoa - und Handelsminister Donald Evans zu, dass sie kurz vor dem Konkurs Anrufe von Enron-Chef Lay empfangen hatten. Ihre Erinnerung an die Konversation fällt allerdings unterschiedlich aus: O'Neill will keine Bitte um Beistand vernommen haben. Evans hingegen, der pikanterweise im Präsidentenwahlkampf als Bushs oberster Spendeneintreiber auf Enrons Gefälligkeiten angewiesen war, hat Wünsche gehört: Lay habe auf das wohltätige Vorbild Clinton hingewiesen, der sich 1998 für die Rettung eines Hedgefonds eingesetzt habe.

Als Nächsten traf es Justizminister John Ashcroft, der eine landesweite Taskforce zur Erhellung des Bankrotts eingesetzt hat. Er musste sich - verspätet - für befangen erklären, weil er 1999, als er in Missouri für den Senat kandidierte, 57 000 Dollar vom Energieriesen bekommen hatte. Zur Abrundung des Skandals trug schließlich ein bitteres Eingeständnis der Bilanzprüfer von Arthur Andersen bei, die seit Jahren die Firmenbücher kontrollieren: Ihre Houstoner Filiale hatte Tausende Dokumente und elektronische Dateien vernichtet, bevor die Börsenaufsicht ihre Enron-Untersuchungen aufnehmen konnte.

Das Weiße Haus weist jeden Gedanken zurück, dass der Präsident, mit dem Krieg in Afghanistan beschäftigt, auf das Schicksal des Konzerns Einfluss genommen habe. O'Neill und Evans wollen den Präsidenten erst vorige Woche über die Notanrufe aus Houston in Kenntnis gesetzt haben. Bush-Sprecher Ari Fleischer rückte die Telefonseelsorge in möglichst unverdächtiges Licht: "Es handelt sich hier um einen Fall, wo ein Spender anruft und Bitten äußert, sie aber nicht gewährt bekommt."

Bis zur überraschenden Pleite galt Enron als Musterbeispiel für die Dynamik und Wandlungsfähigkeit des amerikanischen Kapitalismus. Die Firma begann als biederer Gastransporteur, verwurzelt in der "old economy", und wandelte sich in einem Jahrzehnt zum hyperaktiven Branchenmulti.

Den Durchbruch zum Spitzenstar der ebenso hitzigen wie kurzlebigen "new economy" brachte 1999 das firmeneigene Internet-Verkaufsportal EnronOnline. Zwischen 1985 und 2000 vervielfachte sich der Marktwert des Unternehmens von 2 auf 70 Milliarden Dollar; zum Millenniumswechsel meldete der Konzern 101 Milliarden Dollar Umsatz.

Der rasante Aufstieg war eine Luftblase. Enron spekulierte im ebenso lukrativen wie riskanten Geschäft mit Derivaten: Diese meist außerbörslich gehandelten Wertpapiere sind Wetten auf künftige Preisschwankungen - bei Rohstoffen wie Erdöl oder Kakao, bei Devisen oder Zinsen.

Anders als Banken oder Finanzinstitute, die Erfolg oder Misserfolg ihrer Geschäfte mit Derivaten absichern und offen legen müssen, konnte der branchenfremde Scheinriese Enron Milliardenverluste in den Bilanzen eigens gegründeter Partnerfirmen verstecken.

Das Ende bahnte sich Mitte Oktober an. Aufgeschreckt durch eine Verlustankündigung und Bilanzkorrektur, hegten Analysten und Investoren Zweifel an der Bonität des Konzerns. Binnen Wochen rutschte die "heißeste aller heißen Aktien" (Höchstkurs: 89,94 Dollar) auf unter einen Dollar. Der letzte Rettungsanker war die Übernahme durch den kleineren Konkurrenten Dynergy - woran nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit nicht mehr zu denken war.

Eine Schande ist die Pleite auch ohne die übergreifenden Gefälligkeiten zwischen Politik und Konzern. Die Firmenbosse hatten ihre Aktienpakete rechtzeitig losgeschlagen, 600 Spitzenmanager bekamen noch im November, nur Tage vor dem Konkurs, Prämien in Höhe von insgesamt 100 Millionen Dollar. Weniger schadlos kommen die meisten der 20 000 Angestellten weg: Viele hatten einen Großteil ihrer privaten Altersversorgung in Enron-Papieren angelegt. Wegen einer Sperrklausel durften sie, anders als ihre Vorgesetzten, die Papiere beim Kursverfall nicht verkaufen.

Jetzt ist eine ganze Armada mit der Rekonstruktion der Skandal-Pleite befasst: Börsenaufsicht und Finanzministerium, Zentralbank und Justizministerium. Mindestens vier Ausschüsse im Senat und Repräsentantenhaus starten eigene Anhörungen.

Gut möglich, dass die Regierungsarbeit vom Dauerfeuer um die Ermittlungen überschattet bleibt. Die Demokraten haben allerdings ein kleines Problem beim Ausschlachten des Skandals für die Kongresswahlen im Herbst: Wie ehedem Flick in Deutschland bedachte Enron vorsorglich alle großen Parteien mit seiner Gunst.

Der Präsident, der durch den 11. September zum Volkshelden aufstieg, will sich jetzt um die Opfer der Pleite kümmern. Vorige Woche gab er ein Gesetz zur Absicherung der in Aktien angelegten Altersversorgung in Auftrag. Im Übrigen veröffentlichte das Weiße Haus Besucher-Eintragungen des Secret Service, die belegen, dass Kenneth Lay seit Bushs Amtsantritt lächerliche zweimal vorbeigeschaut habe. Und nie habe er, sagt der Präsident, "mit Herrn Lay die finanziellen Probleme seines Unternehmens besprochen".

STEFAN SIMONS, GERHARD SPÖRL