Bushs erste Station in Europa ist Spanien - das ist kein Zufall
In Spanien ist wenig von Antiamerikanismus zu spüren
Von Nikolaus Nowak
Madrid - Der Madrider Flughafen als Schauplatz der Weltpolitik: Hunderte versammeln sich hier, um gegen die Todesstrafe in den USA zu protestieren. "Todesstrafe ist Mord", rufen die Demonstranten. Ein Wald aus Kamerastativen versperrt das internationale Terminal. Reporter drängeln, Fotografen schubsen.
Der Auflauf gilt aber nicht dem US-Präsidenten George W. Bush, der am Dienstag hier seine erste Europavisite beginnt. Auch nicht dem Protest gegen die Hinrichtung des Terroristen Timothy McVeigh, der im US-Bundesstaat Indiana durch die Giftspritze starb. Sondern dem Spanier Joaquín Martínez, der nach drei Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses von Florida, pünktlich eine Woche vor Bushs Ankunft, freigesprochen wurde und nun als Held heimischen Boden betritt.
Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - ist in Spanien von Antiamerikanismus nichts zu spüren. Die Demonstranten, die zuvor in Madrid "Umwelt ja!" und "Bush nein!" skandierten, wurden von der Presse glatt vergessen. Oder vielmehr: gingen im Nachhall des Madonna-Konzerts unter, mit dem die Pop-Diva am Samstag in Barcelona ihre Europatournee eröffnete. Überhaupt gilt der American Way of Life in Spanien als Errungenschaft: Rund um die Großstädte sprießen Shopping-Malls, Schnellrestaurants, Kinopaläste und College-Camps aus der trockenen Erde, als sei man in Texas.
Bush oder seine Reiseplaner müssen das gewusst haben. Denn ein politisches Schwergewicht ist Spanien noch immer nicht. Dabei sagte Bush-Beraterin Condoleezza Rice: "Spanien ist ein angemessener Platz für den Beginn einer Europatournee. Das Land ist wichtiger Nato- und Handelspartner." In der Tat: Spanien war schon unter Diktator Franco ein treuer Alliierter, erlaubte amerikanischen Einheiten, hier ihre Atomsprengköpfe zu stationieren, und bietet mit der Marinebasis Rota bei Cádiz noch heute einen der wichtigsten Nato-Stützpunkte im Atlantik.
Gerade unter dem konservativen Premierminister José María Aznar, der nach seinem Amtsantritt 1996 zu Kuba auf Konfrontationskurs ging, James Bakers Nordafrikapolitik um die Öl- und Erdgasquellen stützt und dem Raketenabwehrschirm NMD freundlich gegenübersteht, ist Spanien mehr als der ideale Ort, um den Jetlag auszuschlafen.
Bush hat Aznar sogar explizit zu danken: für den Verkauf der ehemals staatlichen Rüstungsfirma Santa Barbara an das US-Unternehmen General Dynamics anstatt an die deutsche Krauss-Maffei-Wegmann. Denn Santa Barbara ist Lizenznehmer für den Leopard II. Das bedeutet nicht nur einen attraktiven Rüstungsauftrag von der spanischen Armee, sondern auch Zugang zum deutschen Know-how, was Berlin lange zu verhindern versucht hat. Darüber hinaus haben die Amerikaner nun den Fuß bei einer künftigen europäischen Heeresindustrie in der Tür. Spanien braucht auch neue Hubschrauber. Zur Auswahl stehen der europäische Tiger und der amerikanische Apache.
Die Strahlkraft des Madridbesuchs, der auch ein Wiedersehen mit dem spanischen Königspaar einschließt, das Bush erst im März in Washington traf, reicht aber noch weiter: Spanien arbeitet seit Jahren an seiner Brückenkopfstellung zwischen Europa, den USA und Lateinamerika. Spaniens Banken, Unternehmen und Telekommunikationsfirmen haben in den vergangenen Jahren große Summen in die ehemaligen Kolonien gesteckt. Damit wurde das Land dort zum zweitgrößten Investor nach den USA. Gleichzeitig will sich Madrid als Heimat der zunehmenden Zahl Spanisch sprechender Amerikaner profilieren. Die Intensivierung des Sprachunterrichts und der Ausbau des Netzes von Cervantes-Instituten in den USA werden dabei von der Latino-Welle in der Film- und Pop-Szene unterstützt. Ein Querdenker wie der Madrider Filmpapst Pedro Almodóvar gilt Dank des Oscars für sein Melodram "Alles über meine Mutter" als Kulturbotschafter in der Neuen Welt.
Ob Bush und Aznar all das im Hinterkopf haben, wenn sie heute Aznars Finca Los Quintas de Moro bei Toledo besuchen, ist fraglich. Doch dürften die gleißende Sonne und der Staub der Mancha beide Staatschefs als einsame Cowboys im Dienst des jeweiligen nationalen Interesses verbinden.