Frankreich mag Amerika nicht
Föderalismus, Hollywood, Materialismus und nun Globalisierung: Amerika steht für alles - Debatte
Von Dominique Moisi
Die Mischung aus Verwunderung, Schadenfreude und Gelassenheit, mit der man in Frankreich das Durcheinander der amerikanischen Wahlen betrachtete, ließ viel davon erkennen, wie die Franzosen Amerika sehen, und noch mehr, wie sie sich selbst begreifen. Frankreich, durch und durch zentralisiert, ist weit davon entfernt, die Leitideen des föderativen Systems der USA zu verstehen. Die Angst vor "Pöbelherrschaft", die französische Philosophen des 18. Jahrhunderts bestimmte, mag die indirekte Methode für die Bestimmung des amerikanischen Präsidenten beeinflusst haben: Gleichwohl ist die kulturelle Kluft der beiden demokratischen Verfassungen groß. Wie kann eine Mehrheit von 300 000 Stimmen, wie Gore sie gewann, nicht von selbst und sofort Sieg bedeuten? Wie kann ein politischer Bürgerkrieg zwischen zwei gleichermaßen entschlossenen Lagern so friedlich-schiedlich bleiben? Und wie konnten die Obersten Richter zugleich so mächtig und so einseitig entscheiden in einem politischen Prozess?
Der Ausweg aus der Sackgasse, in der die Wahl steckte, war komplex bis hin zur Absurdität, archaisch in den technischen Aspekten und bei allem, wenn auch nicht ohne Heuchelei, legal. In einem lateinischen Land wie Frankreich steht diese amerikanische Kombination aus direkter Demokratie, praktischer Vernunft und mildem Zynismus im größtmöglichen Widerspruch zur eigenen Philosophie.
Jenseits aller Verwunderung war man in Frankreich auch unübersehbar amüsiert. Aus Pariser Sicht kann diese Wahl die Amerikaner nur zur Demut anhalten: nach diesem Debakel die große demokratische Messe lesen und anderen Nationen Lehren in Demokratie erteilen? Französische Humoristen ließen es nicht an abfälligen Vergleichen fehlen zwischen Florida und Korsika oder dem fünften Arondissement von Paris, wo Wahlbetrug die Regel ist und nicht die Ausnahme.
Da Frankreich jetzt in eine mutmaßlich holprige und schmutzige Präsidentenwahl geht, die durch neue Enthüllungen finanzieller und politischer Skandale dekoriert wird, findet man Trost in den Leiden der mächtigsten Demokratie der Welt. Gleichwohl ist die französische Haltung als gelassen zu klassifizieren. Niemand befürchtet ernsthaft, dass die amerikanische Wahlfarce die Welt aus den Angeln heben könnte. Alan Greenspan, Steven Spielberg oder Bill Gates nehmen einen prominenteren Platz ein in der öffentlichen Fantasie als der Präsident der USA, noch dazu einer der diesjährigen Kandidaten. Wenn es nur um den Rang der Persönlichkeit geht, so ist der Kontrast zwischen Clinton und Gore oder zwischen Clinton und Bush weit größer als der zwischen Bush und Gore. Clinton überstrahlt beide: Man wird ihn vermissen.
Diese Gelassenheit rührt auch daher, dass in europäischen Augen die Unterschiede zwischen beiden Kandidaten groß genug waren, um die Präferenz für den einen oder anderen zu rechtfertigen. Beide wandten sich im Wahlkampf an das mittlere Amerika. Bush wird wahrscheinlich zu einer Politik der Mitte gezwungen sein. Die Saga der Wahl und der gespaltene Kongress unterstreichen diese Annahme. Bushs Manövrierraum wird begrenzt sein.
Natürlich ahnt man auch in Paris, dass es Unterschiede in der Weltsicht von Republikanern und Demokraten gibt und dass sie belangvoll sind. Der Internationalismus des Bush-Teams wird mehr vom Eigeninteresse bestimmt, von Realismus und einer kritischen Sicht des europäischen Kontinents als der Wilson-inspirierte Internationalismus des Gore-Teams. Mit Bush im Weißen Haus kann es die Versuchung geben, Amerika vor der Welt zu schützen statt die Welt vor sich selbst zu schützen.
Es gibt aber auch Franzosen, die Bush als Präsident vorziehen. Manche Konservative tun das aus inhaltlich-moralischer Zuneigung. Manche Linkssozialisten sind gerade deshalb für Bush, weil er wie die Inkarnation des hässlichen Amerikaners wirkt. Je anmaßender und ablehnender die nächste Administration auftritt, desto mehr werden sich - so die Theorie - die Europäer aufeinander verlassen. Nach Nizza klingt eine solche Rechnung mehr nach Wunschdenken denn nach realistischer Lagebeurteilung. Die Vorstellung, Europa könne gegen Amerika zusammengeführt werden, ist keine Illusion, sondern gefährlich. In Politik umgesetzt, würde sie die Europäer noch mehr entzweien.
Frankreichs Beziehungen zu den Vereinigten Staaten waren immer widersprüchlich und konfus. Zum ersten Mal seit dem Vietnamkrieg gibt es heute einen tief sitzenden, populären Antiamerikanismus. Die Kritik des amerikanischen Imperialismus wurde nur ersetzt durch die Gleichsetzung von Amerika mit Globalisierung. Gestern wurde Amerika dafür verdammt, Vietnam zu bombardieren. Heute wird Amerika abgelehnt für das, was es ist: ein Land, in dem die Todesstrafe mehr die Norm ist als die Ausnahme, und eine Zivilisation, die mit ihrem Materialismus der Welt als gleißendes Vorbild dienen will.
Und doch sollten die Franzosen heimliche Bewunderung dafür zeigen, wie eine so verwirrende und am Ende unfaire Wahl so friedlich und zivilisiert endete. Hätte Frankreich mit seiner revolutionären Tradition solches Wohlverhalten zu leisten vermocht? Die Herausforderung, vor der Frankreich demnächst steht, ist nicht nur die Wahl eines neuen Präsidenten. Nein, es geht um die Frage, wem in der diskreditierten politischen Klasse überhaupt noch zu trauen ist. Eine elementare Frage. Ob Amerika darob auch herablassend lächelt?
Der Autor ist stellvertretender Direktor des Institut Français des Relations Internationales in Paris