Der Atlantik ist breiter geworden
Das Hegemoniestreben der USA stellt die Wertegemeinschaft mit Europa infrage

VON HERBERT KREMP

Ein Begriff gerät ins Schwanken
die Wertegemeinschaft, mit der sich der Westen, sein Bündnis und seine Organisationen in eine Art Adelsstand erhoben. Geprägt wurde das Wort Während des Konflikts mit dem Kommunismus als moralische Rechtfertigung der organisierten Defensive. Er war gleichsam das seidene Innenfutter unter der Metallweste der Interessen. Der glückliche Ausgang des Kalten Krieges förderte den Impuls zur globalen Projektion. Frieden und Recht, Demokratie und Wohlstand sollten als universale Prinzipien die neue Weltordnung prägen und sichern  was 1919 gescheitert und nach 1945 dem Weltonflikt zum Opfer gefallen war.
Pathos und Nützlichkeit der Wertegemeinschaft ersetzten in der Zeit des äußeren Drucks die scharfe inhaltliche Definition. Die Herausforderung gab der Tradition der Freiheit, der Autonomie des Individuums und des liberalen Staatsbegriffs den In keinem Frieden erreichten Vorra~1g. Amerikas Ostküstenelite fasste 1947 den Entschluss, Europa zum dritten Mal vor sich selbst, vor Zerfall und Untiefen der ]Despotie zu retten. Die amerikanische Mission des 20. Jahrhunderts erreichte ihr Ziel, als die Sowjetunion 1991 zerbrach und Russland sich 1994 auf seine europäische und asiatische Militärgrenze zurückzog.
Für ,,Europa~ First" hatten sich die USA während des Krieges gegen Hitler entschieden. Nach dem Krieg
mussten Truman und Eisenhower das Ruder herumwerfen, um nicht auch Westeuropa zur Beute der Sowjets werden zu lassen. Man darf nicht vergessen, dass die Neigung Roosevelts, sich von Europa auf die Höhen der UNO zuzuziehen, übermächtig und die Verwirrung im noch freien Teil Europas übermäßig war. Der Beistandspakt de Gaulles mit Stalin 1944 galt als Symptom. Amerikaner und Briten drängten auf die Konsolidierung des westdeutschen Glacis. Vom ,,Ende der Zeitgeschichte" spricht man nicht zu Unrecht. Doch wäre es gerade jetzt an der Zeit, die Geschichte zwischen 1944 und 1948 in die Erneuerung zu heben. Damals traten die Risse in der Kriegsallianz hervor, und statt des ,,Westens" gab es eine Fülle von Kontroversen über die Wege der Sieger und Besiegten.
In dieser Wendephase entstand, was man dann selbstbewusst, fünf Jahrzehnte später beschwörend, die Wertegemeinschaft nennt. Beide Teile des Begriffs beschreiben tief reichende Ansprüche und essenzielle, nicht aufgebbare Positionen. Sie zogen sich wie ein Festungswerk um den Kern, die politische, die individuelle Freiheit.
Den Ausgang des Kalten Krieges als Sieg (unter Beimischung von Fortune) zu bezeichnen, hat sich die westliche Staatengemeinschaft gescheut. Zu honorigen Gründen trat die dunkle Frage, was der Sieg wohl mit sich bringen werde. Lässt er die Wertegemeinschaft am Leben, oder verschlingt er sie wie den Unterlege
Wer den Scheinwerfer in die Gegenwart lenkt, erfasst den Zweifelsgrund der Frage. Was ist heute, über zehn Jahre nach der von Hoffnungen überstrahlten revolutionären Umgestaltung der Welt, von der Wertegemeinschaft geblieben? Wie definiert sie sich nach dem Verlust des Feindes, der dafür gesorgt hatte, dass der Kraftstrom des Prinzips Staaten und Bürger erreichte? Zeigen nicht wachsende Differenzen im Kern des Westens, zwischen den USA und Europa, dass die Wertegemeinschaft Hohlräume Verdeckte, in denen der Widerspruch überlebte?
Zu Tage treten sie nicht erst unter George W Bush, der in einer Umfrage der ,,Herald Tribune" in den vier größten europäischen Staaten, Deutschland, Frankreich, England und Italien, katastrophale Noten erhielt. Der Atlantik scheint sich um mehr als das Doppelte verbreitert zu haben. In seinem Land wohlgelitten, rutscht Bush in Europa in den Abgrund. Ihm gegenüber war Clinton ein Volksheld der Alten Welt. Mochte er irren, sich selbst verirren und verwirren - sein Talent als Kommunikator, als Transformator des Bündnisses und strategischer Partner nach allen Seiten gab auch den Problemen, die er liegen ließ, den Anschein einer Lösung, der Lösbarkeit in jedem Fall. Alles nur Medien-Spiegelung?
Wer am Zelluloid kratzt, kommt rasch darauf, dass in den USA schon unter dem Vorgänger Bushs die Neigung wuchs, den eigenen Interessen, vor allem denen der Sicherheit
(ABM und Raketenabwehr), den Voran zu geben, in der Umweltpolitik an die eigene Wirtschaft zuerst zu~ denken - unilateral, nicht multi-lateral -, robuste Handelspolitik zu treiben und an der Todesstrafe (je manchen Staat) nicht zu rütteln. ,,Amerika First", eine Haltung, die nicht Isolationismus begründet, sondern im Zweifelsfall Hegemonie, pures Machthandeln, wuchs gleichsam unterhalb des Präsidentenwechsels heran und erscheint nun, da der Wandel in den USA augenscheinlich geworden ist, als Wertedifferenz, wo einst Wertegemeinschaft waltete.
Zwei Faktoren vertiefen - fast täglich - den Eindruck: Bush fehlt das Seidene, das Melodiöse, mit dem Clinton die immer schon vorhandenen, jetzt konturierten Interessen-Strömungen in seinem Lande verbrämte. Der zweite Faktor führt zum tragischen Moment des Sieges zurück: Obwohl die Welt unsicherer geworden ist, beginnt nach dem Zusammenbruch der großen Weltspannung überall die Suche nach der eigenen Friedensdividende. Die Europäer nehmen das amerikanische Schurkenstaat-Bild und die Gefahr seitens Massenvernichtungsmitteln nicht ernst; sie widerstreiten einer Globalisierung ohne soziale Komponente; sie glauben nicht an den Kampf der Kulturen, sondern an die Kraft des universalistischen Menschenrechts. Ein gegensätzliches Wertebild tritt zu Tage, eine neue polare Politik - die bis jetzt größte Herausforderung für die Gemeinsamkeit des Westens.



Quelle: Die Welt vom 28.08.2001