50 Jahre Hiroshima
Warum wurde die Bombe geworfen?
(1995)
Aus Sozialismus von unten (erste Serie),
Nr.4, September/Oktober 1994, S.18-19.
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Arbeiterbewegung (VGZA) e.V.
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Der 6. August 1945 ist auch 50 Jahre später
noch ein Datum, an das die Welt mit Schrecken zurückdenkt. An diesem Tag
setzten die USA zum ersten Mal die Atombombe ein – mit verheerender Wirkung:
Die südjapanische Stadt Hiroshima wurde auf einer Fläche von 13
Quadratkilometern dem Erdboden gleichgemacht, von etwa 76.000 Gebäuden
wurden 70.000 zerstört oder stark beschädigt; 78.000 Menschen waren auf der
Stelle tot, weitere 122.000 starben an den Folgen der Explosion. Drei Tage
später tötete eine zweite Atombombe etwa 70.000 Menschen in Nagasaki.
Über die Hintergründe dieser beiden – bisher einzigen – Einsätze der
Atombombe wird seit damals heftig gestritten. Waren sie, wie die USA
behaupten, notwendig, um den Krieg schnell zu beenden und weitere Opfer zu
verhindern? Oder dienten sie einzig den Großmachtinteressen der Amerikaner,
die ihre Stellung gegenüber der UdSSR stärken wollten?
US-Präsident Truman, der den Befehl zum Einsatz der Bomben gab, verteidigte
seine Entscheidung zeitlebens mit der Begründung, daß dadurch – und Japans
anschließende Kapitulation – eine halbe Million Soldaten auf beiden Seiten
vor dem Tod und eine Million vor „lebenslanger Verstümmelung“ bewahrt worden
seien. Und auch heute noch bilden derartige Stimmen in den USA die Mehrheit.
Als anläßlich des 50. Jahrestags von Hiroshima das Smithsonian Institute im
Washingtoner Luft- und Raumfahrtmuseum eine aufklärerische Ausstellung über
die Auswirkungen des Atombombenabwurfs organisieren wollte, löste dies einen
Sturm der Entrüstung aus. Von den US-Veteranenverbänden, dem Führer der
konservativen Republikaner, Newt Gingrich, und auch von Präsident Clinton
wurde das Institut zu einer „Umorganisierung“ der Ausstellung gedrängt: Nun
ist die Enola Gay, die die Bombe nach Hiroshima brachte, umrahmt von Bildern
heldenhafter GIs zu bestaunen – ein Symbol für die nationale Größe der USA
und für ihren Sieg im 2. Weltkrieg.
Bis heute hat sich kein US-Präsident bei Japan für die Atombombenabwürfe
entschuldigt, und auch in den Medien wird überwiegend die Auffassung
vertreten, daß die Bombe ein notwendiges Übel gewesen sei. So hieß es in
einem Kommentar der International Herald Tribune vom 15.6.95: „Im
Pazifik-Krieg gab es viele schreckliche Dinge. Die Atombombe war eins davon.
Aber ihr Einsatz verhinderte mit großer Sicherheit weitere Greuel.“
Uberflüssig
Die Einsicht, daß der Abwurf der Bomben nicht der Verkürzung des Krieges
diente, sondern eiskaltem Machtkalkül der US-Führung entsprang, würde einen
tiefen Schatten auf den glorreichen Kriegssieger werfen und auch die edlen
Motive für den Kriegseintritt in Frage stellen.
Bei einer genauen Betrachtung der militärischen Lage im Sommer 1945 muß man
zu dem Schluß kommen, daß der Abwurf der beiden Atombomben keinerlei
Auswirkungen auf den Ausgang des Krieges hatte.
Japan lag bereits wirtschaftlich und militärisch völlig am Boden. Nach der
verlorenen Schlacht um Okinawa war das Land vollkommen eingekreist, seine
Flotte war zerstört, die Luftabwehr gegen die US- Bomber machtlos. Diese
richteten selbst mit konventionellen Bomben unglaubliche Verwüstungen an,
wie der Luftangriff auf Tokio im März gezeigt hatte, bei dem über 80.000
Menschen starben. Spätestens Ende 1945, so stellte eine amerikanische
Untersuchungskommission 1946 fest, hätte sich Japan auch ohne den Einsatz
der Atombombe ergeben müssen. Und bis zu dieser Kapitulation wären
keineswegs so viele Soldaten gestorben, wie Truman dies dargestellt hatte;
US-Generäle hatten für den entscheidenden Angriff auf die Hauptinsel
vielmehr 25.000 bis 46.000 tote GIs einkalkuliert.
Vermutlich hätten aber noch nicht einmal so viele Menschen ihr Leben lassen
müssen und Japan hätte ohne weitere größere Kämpfe einer Kapitulation
zugestimmt, wenn die USA dies gewollt hätten. Seit Mitte 1944 nämlich gab es
innerhalb der japanischen Führung einen stärker werdenden Flügel, der
Friedensverhandlungen aufnehmen wollte und an Stalin mit der Bitte um eine
Vermittlung herantrat. Die USA waren darüber informiert, jedoch nicht
bereit, die japanische Bedingung zu akzeptieren, daß das japanische
Nationalwesen mit dem Kaiser an der Spitze bestehen bleiben solle. Statt
dessen forderten sie in der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli die
bedingungslose Kapitulation, worauf Japan nicht reagierte. Als jedoch am 10.
August das Tokioter Außenministerium die bedingte Annahme der Potsdamer
Erklärung mitteilte, machten die USA plötzlich die entscheidende Konzession
und lieferten somit den Friedensbefürwortern um den Kaiser das entscheidende
Argument zum Abbruch des Krieges.
Nicht nur der langjährige Berater von Präsident Roosevelt, Admiral William
Leahy, betrachtete angesichts dieses Szenarios die Atombombenabwürfe als
überflüssig.
Einflußsphären
Wenngleich der Abwurf der Atombomben keinen Einfluß auf den militärischen
Ausgang des Krieges hatte, so war sein Einfluß auf den politischen Ausgang
beträchtlich. Er wies die USA als den eigentlichen Sieger aus und zeigte
ihrem Hauptkonkurrenten, der UdSSR, die neuen Muskeln. Nicht zufällig fand
der erste Atomtest einen Tag vor Beginn der Potsdamer Konferenz statt, auf
der sich die Siegermächte über die Aufteilung der Kriegsbeute einigten, und
nicht zufällig fielen die Atombomben gerade zu jenem Zeitpunkt, als Stalin
sich anschickte, ebenfalls seine Fühler nach Japan auszustrecken. Die
Botschaft von Hiroshima und Nagasaki lautete: Wir, die USA, sind die einzige
Supermacht, und wir sind in der Lage, unsere Machtsphären zu verteidigen.
Von Beginn an ging es den USA bei ihrem Kriegseintritt nicht um Demokratie
und Kampf gegen den Faschismus, sondern um Macht und neue Weltmarktanteile.
Truman beschrieb die amerikanischen Kriegsziele 1941 so: „Wenn wir sehen,
daß Deutschland gewinnt, sollten wir Rußland helfen, und wenn Rußland
gewinnt, sollten wir Deutschland helfen und sie auf diese Weise gegenseitig
so viele wie möglich töten lassen ...“
Über Jahre hinweg sahen die USA tatenlos zu, wie Hitler die deutsche
Arbeiterbewegung zerschlug, eine Horrordiktatur errichtete und andere Länder
überfiel. Ihre Haltung änderte sich erst, nachdem der deutsche Faschismus
durch die Eroberung des halben Kontinents zur unmittelbaren Bedrohung der
eigenen imperialistischen Ziele geworden war. Denn Hitlers Ziel hieß
Weltherrschaft, und das konnten die anderen Großmächte nicht zulassen. So
wurde die alliierte Kriegskoalition nicht von einem gemeinsamen
Antifaschismus zusammengehalten, sondern vom Kampf gegen die Achsenmächte
als imperialistische Konkurrenten. Der Wettlauf um die Entwicklung der
Atombombe war somit ein Wettlauf zwischen den fortgeschrittensten
imperialistischen Staaten um zukünftige Macht und Profite. Deshalb pumpten
die USA innerhalb von drei Jahren die für damalige Verhältnisse gigantische
Summe von zwei Mrd. Dollar in ihr Atomprojekt, und deshalb mußten sie die
Bombe auch zünden, um zu beweisen, welche Zerstörungskraft sie besitzt.
Im Anfangsstadium des Kalten Krieges hatten sie dadurch einen entscheidenden
Abschreckungsvorteil gegenüber Stalin. Wie der damalige
US-Verteidungsminister Forestal 1947 sagte: „Die Jahre, die vergehen, ehe
eine mögliche Großmacht die Fähigkeit erreicht, uns wirksam mit
Massenvernichtungsmitteln anzugreifen, sind die Jahre unserer Chance.“
Der Politik der Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses, des roll-back,
vor allem in Europa, sollte mit dem nuklearen Potential Nachdruck verliehen
werden. Churchill erklärte 1948: „Wir wollen die Dinge zu einer Entscheidung
bringen ... Die Westmächte dürften viel eher ein dauerhaftes Abkommen ohne
Blutvergießen erreichen, wenn sie ihre gerechten Forderungen erheben,
solange sie über die Atomenergie verfügen und bevor die russischen
Kommunisten ebenfalls darüber verfügen.“
Zum Entsetzen der USA brach jedoch bereits 1949 der erste sowjetische
Atomtest ihr Monopol, und in der Folge setzte ein beispielloses Wettrüsten
ein. Wasserstoffbombe, Mittelstreckenraketen, taktische Atomwaffen,
Atom-U-Boote, Cruise Missiles und SS-20 – astronomische Summen wurden von
den Supermächten aufgewendet, um dem Konkurrenten überlegen zu sein und die
eigenen Machtsphären verteidigen und ausweiten zu können. Auf dem Höhepunkt
des Wettrüstens besaßen die USA 32.500 nukleare Gefechtsköpfe; die weltweit
vorhandenen, einsatzbereiten Waffensystem reichten aus, um die
Erdbevölkerung 38mal auszurotten. In zahlreichen Krisensituationen benutzten
die Atommächte ihr nukleares Potential, um den Gegner einzuschüchtern, so
während der Suez-Krise 1956, der Berlin-Krise 1961 sowie der Kuba-Krise
1962.
Auch andere Staaten erkannten, daß nur ein eigenes nukleares Potential es
ermöglichte, im Konzert der Großen mitzuspielen: Frankreich, England und
China entwickelten nukleare Waffensysteme, und auch die BRD wollte unter
ihrem Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß Ende der 50er Jahre nuklearen
Teilhaberstatus erreichen.
Machtfaktor Bombe
Weit davon entfernt, angesichts ihrer furchtbaren Wirkung weltweit
geächtet zu sein, machte die Atombombe eine rasante Entwicklung durch. 2.022
Kernexplosionen sind seit 1945 unternommen worden, um die Zerstörungstechnik
zu verfeinern. Die modernen Nachfolger der Hiroshima-Bombe sind bei weitem
kleiner und zielsicherer und haben eine ums Hundertfache größere
Sprengwirkung.
Auch nach dem Ende des Kalten Krieges werden die Horrorwaffen
weiterentwickelt, und neue nukleare Systeme entstehen. Da die Konkurrenz
zwischen den Großmächten erhalten bleibt – wenngleich mit anderen
Konstellationen – kann es sich keine leisten, auf ihr Atompotential zu
verzichten. Die jüngste Entscheidung Frankreichs, seine Atomtests
wiederaufzunehmen, ist daher eine klare Machtdemonstration, ein deutliches
Zeichen, daß das Land weiterhin den Status einer unabhängigen Großmacht hat.
Prompt wurden auch in den USA Stimmen laut, die forderten, die Atomtests
wiederaufzunehmen.
Diese Realitäten zeigen, daß es naiv wäre, sich für die Beseitigung der
atomaren Bedrohung auf die Initiative der Atommächte zu verlassen. Die
Tatsache, daß sie im Frühjahr auf eine Verlängerung des Vertrages über die
Nichtverbreitung von Atomwaffen gedrängt haben, beweist nicht ihren
Friedenswillen, sondern nur, daß sie ein exklusiver Club bleiben wollen.
Ebensowenig sind die Abrüstungsverträge zwischen den USA und Rußland dazu
geeignet, der Menschheit die Angst vor dem atomaren Inferno zu nehmen.
Selbst wenn beide Seiten die im START II-Vertrag vorgesehenen Reduzierungen
durchführen, bleiben jedem noch immer über 3000 nukleare Sprengköpfe für
interkontinentale Systeme.
Der 6. August 1945 hat gezeigt, daß die imperialistischen Staaten dazu
bereit sind, Atomwaffen einzusetzen, um ihre Macht zu konsolidieren. Und
solange es imperialistische Konkurrenz gibt, besteht die Gefahr, daß sie es
wieder tun.
Sozialismus von unten Nr. 4, August 1995