USA sagen UN-Konferenz gegen Rassismus ab
Kritik an Isolationismus der Bush-Regierung
Washington - Die Entscheidung von
US-Außenminister Colin Powell kommt nicht überraschend: Er bleibt der
UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Südafrika aus Protest gegen eine von
arabischen Staaten betriebene Achtung Israels fern. Seit Wochen hatten sich
amerikanische Unterhändler in zähen Vorgesprächen bemüht, eine Verurteilung
,,der zionistischen Bewegung, die auf rassistische Überlegenheit gründet"
und Formulierungen, die den Holocaust verharmlosen, aus den Entwürfen für
das Schlusskommunique von Durban zu streichen.
Sowohl Powell als auch Präsident Bush hatten mehrfach deutlich gemacht,
dass die Vereinigten Staaten eine ausdrückliche Anprangerung Israels in dem
Dokument nicht dulden, mindestens
nicht durch eine hochrangige Degelation aufwerten würden. Bush hatte vor
Tagen mit diesem Versprechen seine bisher härteste Kritik an der Haltung
Jassir Arafats im Nahost-Konflikt verbunden. Nach einem Bericht der
,,Washington Post", die am Montag als erste Powells noch inoffiziellen
Verzicht meldete, erwägt das State Department, ob ein totaler Boykott der am
Freitag beginnenden, eine Woche dauernden Konferenz oder die Entsendung von
Beobachtern, etwa den US-Botschaftern in Afrika, angemessen ist. Jüdische
Organisationen in den USA hatten in den vergangenen Wochen massiv auf ein
Fernbleiben Colin Powells gedrängt.
Während der Direktor des American Public Affairs Committee, Howard Kohr, den
Boykott guthieß und zugleich bedauerte, ,,dass Gegner eines Friedens im
Nahen Osten Wege gefunden haben, diese sehr wichtige Konferenz zu benutzen,
um ihre anti-israelische Agenda voranzubringen", beklagte Human Right Watch
die Entscheidung der US-Regierung als weiteren Beweis für ,,Unilateralismus
und den Rückzug aus internationalen Foren und Verträgen". Diese Kritik
dürfte in den nächsten Tagen vielstimmig und laut werden. Ebenso ist zu
erwarten, dass Spekulationen über eine schleichende Entmachtung Colin
Powells (zugunsten von Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice) weitere
Nahrung erhalten. Im Widerspruch zu Bush, den
,,Hardlinern" Rice, Cheney und Runisfeld sowie dem
US-Senat tritt Powell etwa für die Ratifizierung des Teststopp-Abkommens
ein, ist gegen eine einseitige Auf kündigung des ABM-Abkommens und wehrte
sich -vergeblich - gegen den Ausstieg der USA aus dem Kyoto-Protokoll.
Die zu erwartende allgemeine Verurteilung der Boykottentscheidung für Durban
bedeutet nicht, dass sie in diesem Fall angebracht ist. Alle Nationen
versuchten in den Vorverhandlungen für Durban, ihre eigenen
Menschenrechtsverletzungen auf Kosten anderer aus dem Schlussdokument
herauszuhalten. Die Inder wollen ihre Kasten-Diskriminierung nicht
gebrandmarkt sehen, Europäer verbitten sich Kritik an der Behandlung von
Sinti und Roma, afrikanische Staaten lehnen ein Eingeständnis ihrer
Komplizenschaft im historischen Sklavenhandel mit Amerika und die
Verantwortung für ihre zeitgenössische Form ab. Die amerikanischen
Unterhändler hatten sich die verbreitete Neigung zur Selbstexkulpation zu
Nutze gemacht, um die geplante Forderung nach Reparationen für die Opfer von
Versklavung vom Tisch zu bringen. Ermutigt von Schadensersatzzahlungen für
japanische Internierte sowie den Vergleichen in den Schweizer Nazigold- und
den deutschen Zwangsarbeiter-Klagen wollte eine Koalition aus Afrikanern und
Afroamerikanern in der Frage der Sklaverei ein Schuldeingeständnis und
eine Entschuldigung der USA erzwingen und so möglicherweise den Boden für
Restitutionsprozesse bereiten. Es erwies sich, dass afrikanische
Regierungen in ihrer ,,New African Initiative", Gründ-Lage einer noch
utopischen Staatenunion, eher auf Schuldenerlass und Handelsprivilegien
hinauswollen.
Gegen die Zusicherung eines Entgegenkommens der Industrie-Staaten ließen sie
Reparationsforderungen für die Sklaverei ohne viel Aufhebens fallen. Ihre
Interessen decken sich nicht mit jenen der Schwarzen in Süd- und
Nordamerika. Die seit Jahrzehnten in den USA aufflackernde Debatte über
Schadensersatz für die Nachkommen der Sklaven ist nicht erledigt.
VON UWE SCHMITT