Die Taliban und das Öl
Die USA haben die Taliban aufgebaut - nun wollen sie ihre ehemaligen Verbündeten angreifen.
"Vergesst Hedgefonds, Derivatspekulation und Fusionen. Die größte Konzentration unberührten Reichtums liegt in den Öl- und Gasfeldern des Kaspischen Meeres."
New York Times, September 1997
Kurz nach den schrecklichen Terroranschlägen in den USA wurde der Name Osama bin Laden als Drahtzieher genannt. Für Bush und seine Verbündeten ist er der Hauptfeind Nummer Eins.
Afghanistan, wo sich bin Laden wahrscheinlich aufhält, gilt jetzt als "Schurkenstaat".
Aber dieselben westlichen Politiker, die heute die afghanische Regierung verurteilen, haben sie bis vor kurzem noch unterstützt. Sie scherten sich nicht um die afghanische Bevölkerung, die unter den Taliban zu leiden hatte.
Alle Pipelines fließen nach Norden
Bisher hatte Russland durch das alte sowjetische Pipeline-System das absolute Monopol inne. Um dieses Monopol zu brechen, sind mehrere Pipeline-Routen geplant. Aber jede dieser Routen hat ihre Hindernisse.
· Die Ostroute über China ist viel zu teuer. China liegt außerdem im Dauerclinch mit den USA.
· Die Westroute endet zwar in dem NATO-Staat Türkei. Aber sie führt durch den Süden der Türkei, wo der türkische Staat Krieg gegen die Kurden führt. Das zweite Durchgangsland, Iran, widersetzte sich in der Vergangenheit den Wünschen der US-Regierung, und wurde deshalb von ihr mit Sanktionen belegt.
· Eine zweite Westroute würde durch das Kaspische Meer verlaufen. Aber Iran besteht darauf, dass das Kaspische Meer den Status eines Binnenmeeres, und nicht eines Sees habe. Der Bau einer Unterwasser-Pipeline müsste dann von allen angrenzenden Staaten gebilligt werden. Außerdem sind Georgien und Aserbaidschan politisch unsicher.
· Die Südostroute über Afghanistan nach Pakistan ist kostengünstig, und hätte den Vorteil, dass Pakistan ein pro-amerikanischer Staat ist. Es gibt nur ein Problem: Der Westen hat die afghanische Regierung nicht unter Kontrolle.
Afghanistan ist nur eine Bühne des Kampfes der
Großmächte um das flüssige Gold des modernen Industriezeitalters: Öl.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hinterließ fünf unabhängige Staaten
in Zentralasien. Seitdem werden die Karten in der Region um das Kaspische
Meer neu gemischt.
Als sich Vermutungen erhärteten, dass diese Staaten auf großen Ölvorkommen
säßen, drängten amerikanische Ölkonzerne in den frei gewordenen Raum:
Chevron, Mobil, BP, Amoco, SOCAR und Exxon.
Im Vergleich mit dem Nahen Osten sind die Ölvorkommen in dieser Region zwar
gering. Aber: "Der Kampf um die Kontrolle über das Öl in Mittelasien ist
zum neuesten Kapitel der alten Rivalität zwischen Russland, den USA und
Japan" geworden, schreibt Paul Sampson. Er ist Herausgeber der Londoner
Ölbusiness-Zeitschrift Nefte Compass.
"Auf dieser neuen Weltkarte übernimmt das Kaspische Meer die Rolle des
Persischen Golfs als Zentrum der Aufmerksamkeit", da alle
Industriestaaten angesichts zunehmender Instabilität in Saudi-Arabien sowie
politischer Probleme mit Irak und Iran "ernsthaft nach alternativen
Lieferern" von Öl und Erdgas suchen.
Dieses Kampffeld reicht vom Balkan über den Kaukasus, Iran, Afghanistan bis
nach Kaschmir und Chinesich-Turkmenistan.
Die Förderung ist nicht das Problem, seit sich die Region nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion für westliche Konzerne öffnete. Aber Russland
hat nach wie vor ein Monopol auf den Transport des Öls. Es kontrolliert 70
Prozent der Pipeline-Kapazitäten.
Deswegen suchen westliche Konzerne und Regierungen nach sicheren
Pipeline-Routen.
1995 verhandelten der CIA und Manager des US-Ölkonzerns Unocal mit den
Taliban. Unocal wollte eine Pipeline durch das Land bauen. Der Konzern hielt
Förderlizenzen für das Öl beim Kaspischen Meer, dem drittgrößten Vorkommen
der Welt.
Ein Sieg der Taliban, so das Kalkül, könnte die Region befrieden. Dann ließe
sich die Pipeline bauen.
Die Taliban hielten ihre Hand auf. Die USA legten einiges hinein, und die
Taliban gewannen den Krieg.
Nur Stunden nach ihrem Einmarsch in der Hauptstadt Kabul im September 1996,
sagte die damalige Sprecherin des Außenministeriums Glyn Davies, die USA
könnten daran "nichts störendes" finden.
Aber dann machten die USA eine Kehrtwendung. Die US-Regierung fürchtete,
dass die Taliban weitere radikale islamische Bewegungen inspirieren könnten,
die ihre Interessen im anderen Ländern gefährden könnten. Diese Furcht wurde
untermauert, als die Taliban Osama bin Laden aufnahmen.
In einem typischen Akt der Heuchelei versuchte die damalige Außenministerin
Madeleine Albright ihre wahren Absichten zu verschleiern. Vor afghanischen
Kindern im Nasir-Bagh-Flüchtlingslager sank sie auf ihre Knie mit den
Worten: "Ich werde euch nie vergessen. Ich werde alles tun, um euch und
eurem Land zu helfen."
Das war im November 1997. Gerade zwei Monate vorher hatte Sheile Heslin,
Expertin für Energiefragen und Zentralasien im Nationalen Sicherheitsrat der
USA, während einer Anhörung vor dem US-Senat in Washington bestätigt, dass
es Washington im wesentlichen darum ginge, "die monopolistische Kontrolle
Russlands über den Abtransport des Öls aus der Region zu brechen".
Die einzige bisherige Hilfe der USA bestand darin, Teile von
Afghanistan, in dem Versuch Osama bin Laden umzubringen, zu bombardieren.
Von Bernhard Seidl
Linksruck Nr. 114 Extra, 26. September 2001