VIETNAM - Lügen, Krieg und Widerstand:
Der Alptraum der Kriegstreiber
Im
Vietnamkrieg trat die stärkste Macht der Welt gegen ein Entwicklungsland an.
2,7 Millionen Amerikaner dienten in einem Krieg, der $145 Milliarden
kostete. Sie warfen 10 Millionen Tonnen Bomben und Granaten. Sie töteten
mindestens 900.000 Menschen. Trotzdem verloren die USA den Krieg. Mehr noch:
Der Kampf gegen das Massaker wurde zur Geburtsstunde einer neuen Linken.
Stefan Bornost zieht aktuelle Lehren.
Im Frühjahr 1965 lehnte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre ab, bei
einer Anti-Kriegskundgebung in den USA zu sprechen. Die Begründung: Eine
Rede sei "völlige Zeitverschwendung", denn "das politische Gewicht" jener
Amerikaner, die gegen den Krieg seien, "ist gleich null".
Überhaupt erzeugte das Thema Vietnam keine größere Aufregung. Die
Verteidigung des korrupten Regimes in Südvietnam gegen die von Kommunisten
geführte Vietminh-Bewegung in Nordvietnam unterschied sich für die USA nicht
von der Verteidigung der Herrschenden in Taiwan, Südkorea, Iran,
Saudi-Arabien, Libanon, Zaire oder Zentralamerika.
In Vietnam waren anfänglich nur 400 US-"Militärberater" stationiert. Nach
einem Aufstand gegen den südvietnamesischen Diktator Diem 1962 ordnete
US-Präsident J F Kennedy die "begrenzte" Bombardierung des vietnamesischen
Innenlandes mit Napalm und Splitterbomben an.
Jetzt wurde der Vietcong populär. Zehntausende schlossen sich der
vietnamesischen Guerilla an.
LBJ
Szenenwechsel: Im November 1964 wurde der Demokrat Lyndon Baine Johnson mit
überwältigender Mehrheit zum Präsidenten der USA gewählt.
Er hatte mit weitreichenden Reformversprechen, wie zum Beispiel der Auflage
eines milliardenschweren "Anti-Armut-Programms", die Stimmen von
Gewerkschaftern, linken Studenten und Schwarzen gewonnen.
Doch die Hoffnungen wurden rasant enttäuscht. Die Intervention in Vietnam
wurde zum Bombardement, das Bombardement zum Krieg. Die Johnson-Regierung
pumpte das Geld nicht in die Sozialsysteme, sondern in den Kampf um Vietnam.
Das US-Außenministerium erklärte Anfang 1965, warum:
"Die Situation in Vietnam verschlechtert sich, und ohne ein verstärktes
US-Engagement ist eine Niederlage innerhalb des nächsten Jahres unabwendbar.
Das internationale Prestige der USA und ein beträchtlicher Teil unseres
Einflusses stehen in Vietnam auf dem Spiel..."
Eskalation
Die Regierung beschloß, den Krieg mit allen Mitteln zu gewinnen. Am 6. März
1965 waren die ersten 10.000 Marines gelandet. Am Ende des Jahres waren es
schon 210.000. Anfang 1967 hatten die USA 470.000 Soldaten in Vietnam.
Die US-Luftwaffe startete die Operation "Rolling Thunder", das größte und
längste Bombardement der Geschichte.
Nordvietnam sollte, wie es ein US-General ausdrückte, "zurück in die
Steinzeit" bombardiert werden.
Die US-Air Force warf im Schnitt zwei Bomben pro Minute. Allein 1968 wurden
über Vietnam mehr Bomben abgeworfen als im gesamten Zweiten Weltkrieg.
Militärisch war das Bombardement aber weitgehend nutzlos gegen einen Gegner,
der dem Kampf auswich, aus dem Hinterhalt zuschlug und sich in einem
großräumigen Tunnelsystem bewegte.
Die Produktion in den unterirdischen Fabriken des Vietcong wuchs um mehr als
6% im Jahr.
Die Opfer unter der vietnamesischen Bevölkerung gingen derweil in die
Hunderttausende.
Teach-ins
Jahrelang hielt das Lügengebäude der USA stand. Langsam aber sickerte die
Wahrheit durch. Die Barbarei der Flächenbombardements machte die
Kriegspropaganda vom Krieg des freien Westens für die Demokratie zur Farce.
Die Anti-Kriegsbewegung ging zunächst von kleinen Aktivistenkernen an den
US-Universitäten aus. Sie sorgten dafür, daß sich die Debatte über den Krieg
wie ein Lauffeuer von Uni zu Uni ausbreitete.
Führende Regierungsvertreter wurden zu öffentlichen Debatten, den Teach-ins,
eingeladen. Dort wurden sie vor Tausenden von Studenten durch die Argumente
der studentischen Kriegsgegner demontiert.
Die Teach-in-Bewegung zog immer größere Schichten von Studenten in die
Debatte: 1965 nahmen 3.000 in Ann Arbor teil, 30.000 in Berkeley und
schließlich Hunderttausende, als ein Teach-in in Washington über 122
Uni-Radiostationen ins gesamte Land übertragen wurde.
Das Interesse am Vietnam-Krieg hatte für viele einen konkreten Grund: Ihre
Einberufung zur Armee stand vor der Tür!
Explosion
Der Krieg der US-Regierung entwickelte noch eine weitere Front: 1965-68
explodierten die Ghettos in den USA. Die Enttäuschung über die
Johnson-Regierung, die aufgestaute Wut über Elend, Polizeibrutalität und
Rassismus entlud sich in Aufständen, die von Mal zu Mal größer wurden.
Mitte Juli 1967 kam es nach Polizeiübergriffen zu bürgerkriegsartigen
Auseinandersetzungen, bei denen in New Jersey 21 Schwarze von der
Nationalgarde erschossen wurden.
Fünf Tage lang rebellierte Detroit, die fünftgrößte Stadt der USA. Nach dem
Aufstand lagen ganze Straßenzüge in Schutt und Asche, es gab 40 Tote
(hauptsächlich Schwarze), 2.250 Verletzte und 4.000 Verhaftungen.
Die Schwarzenbewegung radikalisierte sich und begann, die Verbindung
zwischen ihrer Unterdrückung in den USA und der Unterdrückung der
Vietnamesen durch die USA zu ziehen.
Der Box-Weltmeister Muhammad Ali setzte ein Fanal, als er sich seiner
Einberufung mit den Worten widersetzte: "No Vietnames ever called me a
nigger!" - Kein Vietnamese hat mich je als Nigger beschimpft!
Die Schwarzenbewegung inspirierte die Anti-Kriegs-Bewegung und umgekehrt.
Im April 1967 demonstrierten 400.000 in New York, im November spalteten sich
bei einer Demo von 100.000 in Washington 30.000 Demonstranten zu einem
"Marsch auf das Pentagon" ab, der durch das Militär aufgehalten wurde.
Tet: Der Wendepunkt
Aber die Eskalation beschränkte sich nicht auf die USA und Vietnam. Weltweit
saß eine Generation von Jugendlichen in den Startlöchern, deren über Jahre
aufgestaute Wut über die herrschenden Zustände nur nach einem Ventil suchte,
um sich entladen zu können.
Den Initialzünder lieferte erneut der heldenhafte Widerstand des Vietcong.
Als zur Jahreswende 67/68 in Saigon Explosionen zu hören waren, dachten die
US-Soldaten, es wäre gewöhnliche Böllerei anläßlich von Tet, dem
vietnamesischen Neujahrsfest. Doch sie irrten.
Der Vietcong hatte über Monate hinweg Tausende von Kämpfern in die Städte
eingeschleust. Jetzt startete er mit 84.000 Mann eine Offensive, die
zeitgleich auf 36 der 44 Provinzhauptstädte abzielte. In Saigon wurde die
US-Botschaft von einem Vietcong-Kommando gestürmt.
Die Wirkung auf die linke Jugend in aller Welt war ungeheuerlich. Fünf Jahre
nach Beginn der Intervention in Vietnam wurde schlagartig klar: Man kann dem
amerikanischen Superimperialisten widerstehen!
Die US-Army brauchte Wochen, um die Tet-Offensive zum Halten zu bringen. Sie
legte dafür die angegriffenen Städte systematisch in Schutt und Asche.
14.000 Tote, 24.000 Verwundete und 800.000 Obdachlose unter der
südvietnamesischen Zivilbevölkerung - das war die Antwort der USA auf die
Tet-Offensive.
"Es war notwendig, diese Stadt zu zerstören, um sie zu retten" - so brachte
ein Major die US-Strategie auf den Punkt.
Aufbruch
Aber auch die Gegenseite erhöhte die Einsätze: Was als eine Reihe
voneinander unabhängiger Bewegungen gegen verschiedene Aspekte des
kapitalistischen Systems begonnen hatte, vereinigte sich jetzt zu einer
weltweiten Rebellion gegen den Kapitalismus selbst.
Speerspitze der Rebellion war das Losbrechen einer internationalen
Studentenbewegung. An den Universitäten grassierten revolutionäre Ideen wie
ein ideologisches Lauffeuer.
Aber 1968 war mehr, als eine internationale Studentenbewegung.
In Prag konnte eine Massenbewegung gegen die Diktatur nur durch den
Einmarsch der Roten Armee gestoppt werden.
In Paris kämpften die Studenten drei Tage und Nächte hindurch auf den
Barrikaden und verteidigten das Studentenviertel Quartier Latin gegen die
paramilitärischen Polizeieinheiten der CRS.
Der spektakuläre Kampf der Studenten löste in den darauffolgenden Wochen
aus, was als der "Pariser Mai" in die Geschichtsbücher einging: Einen
Generalstreik von mehr als 10 Millionen Arbeitern!
Die Linke
Hunderte von Millionen Menschen bewegten sich in rasanter Geschwindigkeit
nach links. In den Folgejahren schossen revolutionäre Organisationen in der
ganzen Welt wie Pilze aus dem Boden.
Die Anti-Kriegsbewegung wurde durch die Herausbildung eines organisierten
revolutionären Rückgrats zu einem dauerhaften Faktor. In Vietnam selbst ging
das militärische Debakel der USA gleichzeitig weiter.
Die Stimmung in den USA kippte. Johnson erlitt bei den Vorwahlen zur
US-Präsidentschaft eine vernichtende Niederlage.
Sein Nachfolger Richard Nixon sah sich gezwungen, von Truppenabzug zu reden.
Im April 1970 verkündete er aber den Einmarsch der USA in Kambodscha.
Die Invasion Kambodschas brachte die Anti-Kriegs-Bewegung auf einen neuen
Höhepunkt.
Nachdem in Kent bei einer Anti-Kriegs-Demo vier Studenten durch
Nationalgarden erschossen wurden, gingen innerhalb von Tagen 350 Unis in
einen Streik, dem sich die Schulen anschlossen.
An Massendemos am 9.-10.Mai beteiligten sich landesweit vier Millionen
Studenten - 60% der gesamten Studentenschaft!
Der Sieg
Der enorme Widerstand an der Heimatfront wirkte auf die Truppen in Vietnam
zurück.
Zumal die USA auf eigene Verluste keine Rücksicht nahmen: Sie schickten die
GIs auf Patrouillengänge in den Dschungel, um den Feind aus dem Hinterhalt
zu locken. Wenn der Vietcong angriff, forderten die Offiziere Artillerie-
und Luftunterstützung an. Die war zwar innerhalb von Minuten da, tötete aber
auch die eigenen Leute.
20% der Verluste der US-Army kamen durch "friendly fire" zustande. Der Haß
der Soldaten wuchs.
"Splittern" - das Umbringen der eigenen Offiziere mittels
Splitterhandgranaten - kam in Mode. 1.013 offiziell nachgewiesene Fälle gibt
es zwischen 1968 und '72. Insgesamt wurden etwa 10% der Offiziere in Vietnam
von ihren kriegsmüden Mannschaften getötet.
Die Stimmung der Soldaten in der "Hölle von Vietnam" änderte sich unter dem
Eindruck der Anti-Kriegsbewegung daheim von schlecht zu katastrophal.
1970 waren 10% der GIs in Vietnam heroinabhängig. 1972 war die US-Armee in
Vietnam praktisch kampfunfähig und wurde im Schnellverfahren außer Landes
gebracht.
Der Kampf um Vietnam ist ein Lehrbuchbeispiel für erfolgreichen Kampf gegen
imperialistische Kriege. Drei Faktoren liegen diesem Sieg zugrunde:
Der zähe und erfolgreiche militärische Widerstand des Vietcong trieb den
Preis für das US-Massaker in wahnwitzige Höhe und ermutigte Unterdrückte in
aller Welt, sich ebenfalls zur Wehr zu setzen.
Der Aufbau von Vietnam-Solidaritäts-Komitees schuf eine Struktur, die die
Propagandalügen vom "Krieg für die Demokratie" zerstörte. Sie waren die
Grundlage einer internationale Anti-Kriegsbewegung.
Den entschlossensten Elementen dieser Bewegung gelang es, den Kampf um
Vietnam mit den Kämpfen gegen Rassismus, Notstandsgesetze, höhere Löhne etc.
zu verbinden. Gleichzeitig stampften sie revolutionäre Parteien aus dem
Boden, deren politische Klarheit und organisatorische Schlagkraft die
Bewegung ausweitete und radikalisierte.
Die Niederlage führte zum "Vientnam-Trauma" der Herrschenden in den USA. Sie
hatten den Krieg nicht militärisch verloren. Sie verloren ihn moralisch.
Die ruhmreiche US-Army war in Vietnam im wahrsten Sinne des Wortes
zerbrochen. Die Herrschenden hatten weder ihre eigene Armee, noch die
amerikanische Bevölkerung im Griff behalten können.
Dieser Schock saß so tief, dass die US-Armee bis 1983 in keinen einzigen
Einsatz geschickt wurde.
von Stefan Bornost
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Linksruck Nr. 69, Mai 1999