Auf der Lauer sitzt 'ne kleine Wanze ...

Die Wanzen im Jet des chinesischen Präsidenten Jiang Zemin wurden bereits im Herbst gefunden. Doch die vermutlich bei Ausrüstungsarbeiten in Texas eingebauten Hightech-Lauscher belasten die Beziehungen mit den USA nicht. Die Chinesen wollen offenbar einen Skandal vermeiden.
Peking - Das Spezialflugzeug für Jiang Zemin hatte brisante Technik an Bord. In der Boeing 767, die in den USA umgerüstet wurde, wurden zahlreiche Abhörgeräte entdeckt, die selbst an intimen Orten eingebaut worden waren: Nicht nur in einem Sitzpolster, sondern auch im Kopfteil des Bettes - sogar auf der Toilette.

Nach tagelangem Schweigen reagierte Pekings Regierung nun doch ebenso gelassen wie lakonisch auf das Bekanntwerden der Wanzenaffäre zwischen China und den USA. Er habe, so der Sprecher des Außenministeriums, Sun Yuxi, bei seiner regelmäßigen Pressekonferenz, von entsprechenden Berichten "gehört". Aber China sei ein "friedliebendes Land", das niemanden bedrohe: "Also macht es gar keinen Sinn, uns zu verwanzen."

Weitere Informationen über den Spionagefall hatte Sun nicht zu bieten. Offenkundig will Peking vorerst keinen außenpolitischen Skandal vom Zaun brechen. Kurz vor dem Gipfeltreffen zwischen US-Präsident George W. Bush und Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin am 21. Februar sind die Chinesen daran interessiert, das delikate Verhältnis zu den Amerikanern nicht zu trüben. Peking hatte sich nach den Attentaten am 11. September der "internationalen Anti-Terror-Koaliton" angeschlossen.

 

Unter der Decke halten

Auch im Land selbst ist Peking bemüht, den Wanzenvorfall so weit wie möglich unter der Decke zu halten. Lediglich Internetseiten und die englischsprachige "China Daily" berichteten am Mittwoch über die Erklärung des Außenministeriums. Die anderen Zeitungen verschwiegen sie völlig.

Im August letzten Jahres war die Boeing für 120 Millionen Dollar von den Amerikanern nach China ausgeliefert worden. Der Kunde: kein Geringerer als KP-Chef Jiang Zemin, für den die Maschine extra umgerüstet wurde.

Doch bei Testflügen hörten die Chinesen seltsame Geräusche. Sie stammten von 27 Wanzen. Die Mikrofone sollten vermutlich über Satelliten aktiviert werden. Der US-Geheimdienst hat Erfahrung bei solchen Aktionen: Den amerikanischen Schlapphüten gelang es während des Kalten Kriegs, die Limousine des sowjetischen Parteichefs Leonid Breschnew auf dem Weg vom Kreml zur Datscha abzuhören.

 

Abhörtechnik aus Texas ?

Vermutlich sind die Wanzen in Texas an Bord gelangt. Dort hatten mehrere Firmen den Flieger für angeblich weitere 30 Millionen Dollar auf Präsidenten-Standard gebracht - unter anderem mit beigen Ledersesseln für 100 Passagiere und einer Suite mit Schlafraum, Bett und Dusche für das Staatsoberhaupt.

 

Nachlässigkeit oder Bestechung?

Dabei bewachten chinesische Sicherheitsleute die Boeing rund um die Uhr - sie merkten dennoch nichts. Einige der Wachleute sollen mittlerweile verhaftet worden sein. Die Frage, die nun geklärt werden soll, ist, ob sie nur nachlässig waren oder womöglich bestochen wurden, um beim Einbau der Wanzen gezielt wegzuschauen.

Dass die Chinesen den Fall nicht an die große Glocke hängen wollen, zeigte sich schon beim Gipfel der Asien-Pazifik-Staaten (Apec) im Oktober in Schanghai. Damals demonstrierten Jiang und Bush Harmonie - obwohl die Wanzen bereits entdeckt worden waren und der chinesische Staatschef nicht wie geplant mit seiner neuen Boeing anreiste.

Während Peking die Affäre herunterspielt, bleiben viele spannende Fragen offen: Wer hatte daran Interesse, den Skandal kurz vor dem Bush-Besuch westlichen Journalisten zu stecken? Eine Spekulation lautet: Konservative Kräfte im Militär wollten die Beziehungen zwischen Washington und Peking torpedieren, weil ihnen Jiangs moderate Gangart gegenüber dem "imperialistischen Klassengegner" nicht passt.

 

Verschwenderischer Jiang

Möglich ist aber auch, dass sich jemand in der Führung über die hohen Kosten des Flugzeuges geärgert und den Skandal genutzt hat, um über den Umweg der westlichen Presse die eigene Bevölkerung auf die vermeintliche Verschwendungssucht Jiangs aufmerksam zu machen.

Die dritte Vermutung geht in die umgekehrte Richtung: Jiang selbst hat die Nachricht aus Ärger über die schläfrigen und womöglich korrupten Militärs lanciert.

Die Kühnste aller Versionen: Die Wanzen stammen gar nicht von den Amerikanern, sondern von einer politischen Fraktion, die Jiang nicht wohlgesonnen ist.

So viel steht fest: In wenigen Monaten findet der 16. Parteitag der chinesischen KP statt. Schon jetzt rangeln Funktionäre um Macht und Posten. Zwar will die alte Führungsriege abtreten, doch Jiang plant wohl, weiter Vorsitzender der mächtigen Militärkommission zu bleiben.

Von Andreas Lorenz, Peking