26.07.2002
Irak-Feindbild
Zeit des Zweifelns
Die
amerikanische Gewissheit über den Sinn des Irak-Krieges verfliegt und Präsident
Bush bleibt die Antwort auf viele Fragen schuldig.
von
Stefan Kornelius
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Für die Iraker ist das Feindbild USA klarer als für die USA das Feindbild Irak. (dpa ) |
Es gehört zu den gerne
verbreiteten Weisheiten in Washington, dass ein Angriff der USA auf den Irak und
der Sturz Saddam Husseins lediglich eine Frage des Zeitpunkts und der Planung
sei. Grundsätzlich aber, so wird mit ernster Mine versichert, ist die Operation
Regimewechsel nicht mehr aufzuhalten.
Gegenmeinung: Fehlanzeige – bis vor wenige Wochen. Dann aber sprachen die Herren
Biden und Levin, oder besser: Sie stellten ein paar harmlose Fragen, wie es
Parlamentarier zu tun pflegen, wenn sie nicht wirklich angreifen, sondern
lediglich Zweifel säen wollen.
Es sprachen außerdem die Herren Kerry und Edwards, und selbst Tom Daschle erhob
das Wort. Der Demokrat Daschle ist Mehrheitsführer im Senat, und er artikulierte
wie seine Senatoren-Kollegen, allesamt wichtige Ausschuss-Vorsitzende oder
potenzielle Präsidentschaftskandidaten, Zweifel an der herrschenden Meinung.
Der Gegenschlag aus dem republikanischen Lager lässt bis heute auf
sich warten, und die Washingtoner Kaffeesatz-Leser haben bereits ihre
Interpretation herausgefiltert: Kritik an der Außenpolitik von Präsident George
Bush ist nicht mehr tabu, das Totschlagargument vom unpatriotischen Gesellen
greift nicht mehr.
Die Demokraten suchen drei Monate vor den Zwischenwahlen die Schwachstellen der
Regierung und sind erstaunlich schnell fündig geworden: Innenpolitik
interessiert die Menschen wieder, der Verfall der Pensionsfonds, die
Energiepolitik. Aber auch in der Außenpolitik ist Bush nicht mehr unangreifbar.
Die US-Rolle im Nahen Osten und selbst der Kampf gegen den Terrorismus rücken in
den Mittelpunkt der Kritik, weil der amerikanische Wähler vor allem zwei
Eigenschaften hat: Er ist ungeduldig (bin Laden ist immer noch nicht gefasst),
und seit Vietnam mag er das unkalkulierbare Kriegsabenteuer nicht.
Die Operation Saddam lebt von einer langen Vorgeschichte in der amerikanischen
Innenpolitik und von ein paar Schlüsselfiguren, die das Thema seit dem Golfkrieg
von George Bush, dem Älteren, wachhalten.
Zu ihnen gehört Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Stellvertreter
Paul Wolfowitz, aber auch der Handelsbeauftragte Robert Zoellick oder die
hochrangigen Außenamtspolitiker John Bolton und Richard Armitage. Dieser Gruppe
gelang es mit Hilfe der neokonservativen Erbengemeinschaft Ronald Reagans, das
Thema nach dem 11. September auf die Agenda zu setzen und seitdem immer mehr ins
Zentrum der Außenpolitik zu rücken.
Der Präsident zeigte seine Empfänglichkeit für die Argumente zuerst während der
ersten Europareise im November, als er den Anti-Terror-Krieg ausweitete auf die
Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen.
Im zweiten Schritt kreierte Bush gegen den Widerstand von Außenminister Colin
Powell die Achse des Bösen und stellte einen Zusammenhang mit der
Terror-Bekämpfung her. Einen Beweis für die unmittelbare Verwicklung Saddam
Husseins in den Angriff auf Amerika musste er damit nicht mehr liefern – außer
einem dubiosen und unbewiesenen Treffen in Prag gibt es auch keine Fährte.
Die Öffentlichkeit in den USA vollzieht diese Feinheiten in der Debatte nicht
unbedingt nach. Umfragen zufolge spricht sie sich mit einer großen Mehrheit von
mehr als 70 Prozent für einen Angriff auf Saddam aus. Die Zustimmungsrate fällt
aber dramatisch, wenn die Fragen ins Detail gehen – ob Amerika etwa auch
alleine, also ohne Verbündete handeln sollte. Bush wird die Umfragen gerade vor
den November-Wahlen zum Kongress im Blick haben.
Überhaupt der Kongress: Senat und Repräsentantenhaus haben inzwischen klar
gemacht, dass sie ein Mitspracherecht bei einer so wichtigen Kriegsentscheidung
wollen. Der alte Streit zwischen Präsident und Parlament über die Entscheidung
zum Kriegsfall flammt also wieder auf, und Bush hat zumindest die Botschaft
erhalten, dass er sein Parlament von der Sinnfälligkeit eines Krieges überzeugen
muss.
Fragen gibt es inzwischen auch in den USA genug. Besonders glaubwürdig sind die
Bedenken, die vom Militär selbst kommen und dem Präsidenten in Form
verschiedener Einsatz-Szenarien vorgelegt wurden. Auch wenn hartnäckige
Geheimdienst-Freunde ein Attentat auf Saddam als besten Weg propagieren, so
neigt die Mehrheit inzwischen den Invasions-Szenarien mit einer Truppe von
mindestens 200.000 Mann zu.
Dazu müssten allerdings innerirakische Oppositionelle Beistand leisten. Größte
Sorge der Militärs: Was tun, wenn es zu einem Häuserkampf in Bagdad mit
ungezählten amerikanischen Toten kommt? Und was tun, wenn Saddam im Todeskampf
biologische und chemische Waffen gegen US-Truppen oder gegen Israel einsetzt?
Beide Fragen blieben bisher unbeantwortet.
Die Senatoren quälen den Präsidenten unterdessen mit weit detaillierteren
Problemen: Wie lange soll die Sache dauern? Wollen die USA den Irak auf Jahre
besetzen und aufbauen? Wer bezahlt? Was tun, wenn die öffentliche Meinung kippt?
Richard Cohen, ein den Demokraten nahestehender Washington Post-Kolumnist,
bohrte noch weiter: „Werden die Ereignisse vom 11. September nur genutzt, um ein
Ziel zu rechtfertigen, das zuvor schon zur fixen Idee einiger Leute in der
Bush-Regierung geworden war?“
Seine Antwort: „Im Pentagon werden Kriegspläne skizziert. Aber im Weißen Haus
gibt es keine Erklärungen.“