Jetzt jede Form von medizinischer Nothilfe leiste!
Irakische Volk bereitet sich auf Invasion vor

Von Sara Flounders, Bagdad*  

Ein Delegation unter Leitung des früheren US-Justizministers Ramsey Clark traf am 22. Februar nach einer 14stündigen Fahrt von Amman durch die offene Wüste in Bagdad ein. Schwindendes Mondlicht erhellte die fast leere sechsspurige Autostraße. Wir fragten uns unwillkürlich, ob das Pentagon wohl den Krieg entfesseln wird, wenn der Mond vom Himmel verschwunden ist. Oder wird die anschwellende Weltbewegung gegen den Krieg machtvoll genug sein, den Angriff zu stoppen?
Der Zweck der Delegationsreise waren wie in früheren Jahren Ermittlungen zu den Auswirkungen des Krieges von 1991 und der seit zwölf Jahren andauernden Sanktionen, insbesondere auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung. Der stellvertretende Gesundheitsminister, Dr. Zuhair Abdul Al-Azawi, erklärte der Delegation am 24. Februar, dass die Lage sich nach elf Jahren ständig sich verschlechternder Bedingungen in diesem Jahr endlich stabilisiert und sogar leicht verbessert habe. Die Bedingungen sind natürlich immer noch erschreckend, verglichen mit der ausgezeichneten Gesundheitsversorgung der irakischen Bevölkerung vor dem US-Krieg von 1991, als die Krankenhäuser mit Bomben und Raketen gezielt angegriffen wurden.
Seither sind dem Gesundheitswesen durch die Sanktionen selbst Standardmedikamente und medizinisches Gerät vorenthalten worden. Auch die Leistungsfähigkeit der Wasseraufbereitungsanlagen, der Lebensmittelindustrie und der Stromversorgung ist durch die Sanktionen schwer beeinträchtigt worden. Nach Jahren der Entbehrungen gibt es nun Überschüsse, um mit Notstandslagen fertig zu werden. Jede nur mögliche Anstrengung wird unternommen, um Generatoren, Medikamente, Desinfektionsmittel und alles übrige verfügbare Material auf die verschiedenen Teile des Landes zu verteilen.
“Diesmal”, erklärte Clark, “ richtet sich unsere besorgte Aufmerksamkeit auf den Stand der Bereitschaft der Gesundheitsdienste im Angesicht des Krieges. Im Jahre 1991, als die Krankenhäuser und Apotheken voll ausgestattet waren, ging den Ärzten alles, was sie brauchten, in den ersten Wochen des Krieges aus.  

“Als wir die Krankenhäuser im Februar 1991 besichtigten, gab es keine Desinfektionsmittel, keine Verbandstoffe, keine Handschuhe, keine Antibiotika und keine Betäubungsmittel. Tausende starben, weil es kein Material zu ihrer Rettung gab. Erneut wird verunreinigtes Wasser die schlimmste Krisenursache sein.“
„Die Welt muss von der drohenden Krise erfahren“, fügte Clark hinzu. „Und es muss jetzt jede Form von medizinischer Nothilfe geleistet werden.“

 

Äußerlich alles ruhig in Bagdad

Äußerlich wirkt Bagdad, eine Stadt mit 5 Millionen Menschen, ruhig. Die Schulen, Arbeitsstätten, Büros und Läden sind geöffnet. Der Verkehr ist lebhaft.  Es gibt Fotoausstellungen und Sportereignisse sowie abendliche Hochzeiten. Die Kinos haben geöffnet. Aber jeder kleine Händler sagt, dass die Leute nur das Allernötigste kaufen. Die Menschen erwarten einen schrecklichen Krieg, bei dem die Zivilbevölkerung das Angriffsziel des Pentagon ist. „Meine Familie hat einen Plan für den Fall, dass die Raketen einschlagen“, erklärt uns Ali. „Wir werden alle in einem Raum bleiben. Was dann geschieht, wird uns allen zusammen geschehen.“
Jahrzehntelang haben Ali und seine beiden Brüder ein kleines Fischgeschäft auf dem Markt in einem ärmlichen Viertel von Bagdad betrieben. Ihr Geschäft stand unglücklicher Weise in der Nähe einer der größeren Brücken von Bagdad. Im Krieg von 1991 zerstörten Bomben die Brücke und einen Großteil der Gemeinde...und eine radierte ihren Laden aus.  

Die Brüder arbeiteten hart und bauten ihren Laden wieder auf. Aber nun sind die Menschen zu arm, um Fisch zu kaufen.

 

Wir sprachen mit Ali am 22. Februar, gerade eine Woche nach den massiven

weltweiten Demonstrationen gegen den Krieg. Die Demonstranten versuchen den

„Angst und Schrecken“-Plan des Pentagon zu stoppen, der, wie die Medien

berichten, in zwei Tagen mit „konventionellen“ Waffen so viel

Zerstörungskraft zum Einsatz bringen wird wie die Atombombe auf Hiroshima im

Jahre 1945.

 

Ali erinnert sich, wie schwer es war, Trinkwasser zu bekommen, nachdem die

Feuerkraft der US-Streitkräfte 1991 das Trinkwasser und Abwassersystem

zerstört hatte. „Wir tranken, was wir kriegen konnten,“ sagt er, „Die

Menschen erkrankten in Scharen. Viele starben, besonders Kinder.“

 

Im Jahre 1991 verfolgte das Pentagon die Strategie, vorsätzlich alles

gezielt anzugreifen, was die Menschen für ihre Gesundheit und zum Leben

brauchen, darunter die Wasser- und Lebensmittelversorgung, das für eine

urbane Gesellschaft notwendige Stromnetz, Krankenhäuser und Schulen.

 

Thomas Nagy, Professor an der George Washington Universität, hat die

öffentliche Aufmerksamkeit auf freigegebene Geheimdokumente der Defence

Intelligence Agency gerichtet, die zeigen, dass das Pentagon wusste, welche

Verheerungen die Zerstörung der zivilen Infrastruktur des Irak anrichten

würde. Das war Teil des Plans.

 

Nagys Nachforschungen erschienen im Sunday Herald vom 17. September 2000 und

in der Ausgabe des Magazins The Progressive vom September 2001.

 

Die jüngsten Zahlen zeigen, das der Krieg von 1991 und die anschließenden

Sanktionen den vorzeitigen Tod von 1,8 Millionen Irakern verursachten.

 

Angriffe auf die irakische Wasserversorgung und die Infrastruktur der

Gesundheitsversorgung sind Verstöße gegen die Genfer Konvention. Diese

verbietet, die Zivilbevölkerung gezielt anzugreifen.

 

Diesmal hofft Ali, dass die Vorsichtsmaßnahmen der Regierung die 100.000

Todesfälle vermeiden könnten, die 1991 aufgrund von angriffsbedingten

Krankheiten eintraten.

 

Die Regierung hat die freien Nahrungsmittelzuteilungen in den letzten drei

Monaten mehr als verdoppelt, so dass eine Grundnahrungsversorgung in jedem

Haus gehortet werden konnte. Die Familien haben inzwischen fünf

Monatsrationen extra erhalten.

 

Die Nahrungsmittelrationen bedeuten das Überleben für jenen großen Sektor

der Bevölkerung, der seit dem letzten US-Krieg arbeitslos ist. Im Laufe der

letzten 12 Jahren haben die von den USA durchgesetzten Sanktionen die

meisten Industriebetrieben zum Schließen gezwungen.

 

Irakische Familien legen Vorräte an: Kerosin zum Kochen und Heizen, Kerzen

zur Beleuchtung, unzählige Behälter mit Wasser. Familien mit finanziellen

Mitteln kaufen kleine Generatoren.

 

Heute graben viele Familien Brunnen in ihren Hinterhöfen. Es wird kein

aufbereitetes Wasser sein, aber wohl immer noch besser als direkt aus dem

Euphrat.

 

 

Ein langer Widerstand?

 

Neben der Hilfe, welche die Regierung zum Überleben leistet, mobilisiert sie

die Bevölkerung auch zum Kampf gegen die Invasoren.

 

Als viele Millionen auf der ganzen Welt am 15. Februar demonstrierten, um

den Krieg gegen den Irak zu verhindern, waren auch im Irak die Menschen auf

den Straßen, Hunderttausende in jeder größeren Stadt. In jedem der vier

Stadtteile von Bagdad gab es massive Bekundungen des irakischen

Widerstandswillens.

 

Ein Rat islamischer Gelehrter sowohl der schiitischen wie der sunnitischen

Glaubensrichtung hat eine „Fatwa“, ein religiöses Dekret, erlassen, welches

zum totalen Widerstand gegen die ausländische Besatzung aufruft. Das hat es

1991 nicht gegeben.

 

Es gibt eine Freiwilligenarmee des Volkes, von der die Iraker sagen, dass

sie 7 Millionen Mann stark ist, ein Aufgebot aus nahezu jeder Familie im

Irak, das eine Grundausbildung in militärischer Taktik, Straßenkampf und

Widerstand erhalten hat.

 

An nahezu jede Familie sind zuhause Kleinwaffen ausgeteilt worden.

 

Die Menschen wissen, dass sie die Cruise Missiles der USA nicht mit Gewehren

und Pistolen stoppen können. Niemand kann voraussagen, welche Art von

Schlacht diese Volksarmee wird liefern können. Aber bei der Ausarbeitung von

Kriegsszenarien veranschlagt das Brookings Institute die möglichen

US-Verluste auf 5000 Tote und 30.000 Verwundete, sollte die städtische

Bevölkerung Widerstand leisten. Es gibt bereits Nachrichtenmeldungen, die

besagen, dass das Pentagon in aller Stille Zehntausende von Leichensäcken in

die Region hat verschiffen lassen.

 

Jenseits des Angriffs am Anfang liegt die Aussicht auf eine lange

US-Besatzung. Dabei handelt es sich um einen Kolonialkrieg zum Raub von

Ressourcen in einer Region, in der nationalistische und antiimperialistische

Gefühle sehr stark sind. Die Bevölkerung ist ausgebildet und bewusst, und

fast jeder ist bewaffnet.

 

Übersetzung: Klaus von Raussendorff

 

*Die  Autorin ist Mitarbeiterin des International Action Center in New York

 

 

Aus: Workers World newspaper vom  6. März 2003