Ramsey Clark traf am 23.02.03 mit Saddam Hussein zusammen.

 

Der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark war schon 1991 zum ersten Mal

und seither öfter mit einer Solidaritätsmission im Irak. Er schrieb das

Standardwerk „Wüstensturm – US-Kriegsverbrechen am Golf“. Auch verfasste er

im Jahre 2000 die Anklageschrift des New Yorker Tribunals gegen Clinton,

Schröder, Blair u.a. wegen des Verbrechens des Angriffskrieges gegen

Jugoslawien. Clark ist eine souveräne Figur in der internationalen

Menschenrechts- und Antikriegsbewegung. Er traf am 23. 02. 03 in Bagdad mit

dem „brutalen Diktator“ zusammen. In einem Sonderbericht für The Toronto

Star (01.03.03) schrieb er: „Gegenwärtig ist die Verärgerung in den USA über

Treffen mit Saddam Hussein der Ausdruck der Ängste der Bush-Regierung,

oppositionelle Stimmen könnten zu fragen beginnen, “Wer sind eigentlich die

Aggressoren, die größere Gefahr für den Frieden, die gefährlichsten

Terroristen?“ Wenn ein Mensch erst einmal in der Lage ist, alle Seiten zu

hören, und entsprechend informiert ist, dann können die Antworten nicht mehr

von der Regierungspropaganda kontrolliert werden. In den knapp zwei Jahren

seiner Präsidentschaft hat George W. Bush eine noch nie dagewesene,

kompromisslose Kriegsbesessenheit an den Tag gelegt, die den Frieden und die

wirtschaftliche Stabilität der ganzen Welt in Gefahr bringt.“

 

[ 2 ]         Die irakische Regierung leistet der Bevölkerung des Landes

Überlebenshilfe und mobilisiert zum Volkswiderstand gegen die Invasoren.

 

Von der jüngsten Solidaritätsmission mit Ramsey Clark und Mitarbeitern des

International Action Center berichtet Sara Flounders aus Bagdad über die

Vorbereitungen des Irak auf den erwarteten Angriff. Sie schreibt: „Die

Regierung hat die freien Nahrungsmittelzuteilungen in den letzten drei

Monaten mehr als verdoppelt, so dass eine Grundnahrungsversorgung in jedem

Haus gehortet werden konnte. Die Familien haben inzwischen fünf

Monatsrationen extra erhalten. Die Nahrungsmittelrationen bedeuten das

Überleben für jenen großen Sektor der Bevölkerung, der seit dem letzten

US-Krieg arbeitslos ist. Im Laufe der letzten 12 Jahren haben die von den

USA durchgesetzten Sanktionen die meisten Industriebetriebe zum Schließen

gezwungen. Irakische Familien legen Vorräte an: Kerosin zum Kochen und

Heizen, Kerzen zur Beleuchtung, unzählige Behälter mit Wasser. Familien mit

finanziellen Mitteln kaufen kleine Generatoren. Heute graben viele Familien

Brunnen in ihren Hinterhöfen. Es wird kein aufbereitetes Wasser sein, aber

wohl immer noch besser als direkt aus dem Euphrat.“

 

Ramsey Clark: “Als wir die Krankenhäuser im Februar 1991 besichtigten, gab

es keine Desinfektionsmittel, keine Verbandstoffe, keine Handschuhe, keine

Antibiotika und keine Betäubungsmittel. Tausende starben, weil es kein

Material zu ihrer Rettung gab. Erneut wird verunreinigtes Wasser die

schlimmste Krisenursache sein.“ Und Clark appelliert an die Welt, es müsse

jetzt jede Form von medizinischer Nothilfe geleistet werden.

 

Zur Vorbereitung auf den Widerstand gegen die Invasoren schreibt Sara

Flounders: „Als viele Millionen auf der ganzen Welt am 15. Februar

demonstrierten, um den Krieg gegen den Irak zu verhindern, waren auch im

Irak die Menschen auf den Straßen, Hunderttausende in jeder größeren Stadt.

In jedem der vier Stadtteile von Bagdad gab es massive Bekundungen des

irakischen Widerstandswillens. Ein Rat islamischer Gelehrter sowohl der

schiitischen wie der sunnitischen Glaubensrichtung hat eine „Fatwa“, ein

religiöses Dekret, erlassen, welches zum totalen Widerstand gegen die

ausländische Besatzung aufruft. Das hat es 1991 nicht gegeben. Es gibt eine

Freiwilligenarmee des Volkes, von der die Iraker sagen, dass sie 7 Millionen

Mann stark ist, ein Aufgebot aus nahezu jeder Familie im Irak, das eine

Grundausbildung in militärischer Taktik, Straßenkampf und Widerstand

erhalten hat. An nahezu jede Familie sind zuhause Kleinwaffen ausgeteilt

worden. Die Menschen wissen, dass sie die Cruise Missiles der USA nicht mit

Gewehren und Pistolen stoppen können. Niemand kann voraussagen, welche Art

von Schlacht diese Volksarmee wird liefern können. Aber bei der Ausarbeitung

von Kriegsszenarien veranschlagt das Brookings Institute die möglichen

US-Verluste auf 5000 Tote und 30.000 Verwundete, sollte die städtische

Bevölkerung Widerstand leisten. Es gibt bereits Nachrichtenmeldungen, die

besagen, dass das Pentagon in aller Stille Zehntausende von Leichensäcken in

die Region hat verschiffen lassen. Jenseits des Angriffs am Anfang liegt die

Aussicht auf eine lange US-Besatzung. Dabei handelt es sich um einen

Kolonialkrieg zum Raub von Ressourcen in einer Region, in der

nationalistische und antiimperialistische Gefühle sehr stark sind. Die

Bevölkerung ist ausgebildet und bewusst, und fast jeder ist bewaffnet.“

 

[ 3 ]         Die patriotische irakische Opposition im Ausland arbeitet zur

Verhinderung der US-Invasion und Aufhebung der Sanktionen mit der

Bath-Regierung zusammen. Sie lehnt jede Zusammenarbeit mit den USA und der

US-geförderten irakischen „Opposition“ im Ausland ab. Verhandlungen in

Bagdad haben zu ersten Schritten einer Überwindung der Einparteienherrschaft

der Bath-Partei, für die freie Betätigung von patriotischen Parteien und für

eine nationale Aussöhnung im Widerstandskampf gegen die Aggression geführt.

 

Aus Paris berichtet das ND: „Die patriotische irakische Opposition will mit

aller Kraft beitragen, einen Krieg zu verhindern. Das betonten die 200

Teilnehmer der 3. Konferenz des Irakischen Nationalen Bündnisses, die u.a.

über Bagdader Verhandlungen ihrer Führer berieten.“ „Dem 1992 gebildeten

Irakischen Nationalen Bündnis gehören jetzt zehn Parteien und Organisationen

an, die sich auf arabisch-nationalistische Positionen berufen und stets eine

Zusammenarbeit mit Iran und den USA abgelehnt haben. Sie eint die

Verurteilung des Embargos gegen Irak und die Forderung nach mehr Freiheiten

im Land. Zu den Gründern gehören der vor Jahren abgespaltene linke Flügel

der heute in Bagdad allein regierenden Bath-Partei, die nasseristisch

orientierte Partei der Sozialistischen Einheit und die national-marxistische

Arabische Arbeitspartei, ferner die ebenfalls marxistisch orientierte

Arabische Sozialistische Bewegung, die Kurdisch-Islamische Armee, die von

Intellektuellen getragene Kurdistan-Friedenspartei und schließlich die

patriotische Tendenz der Irakischen KP, die sich von der »offiziellen« KP

abgespalten hat, als diese im Krieg Irak-Iran auf die Seite des Feindes

wechselte. Vor einem Jahr stieß die Bewegung zur Verteidigung der zivilen

Gesellschaft hinzu und auf der Pariser Konferenz wurden die Umweltpartei und

die Bewegung für soziale Gerechtigkeit und Reformen aufgenommen.“ Um eine

Wende zur Demokratie in Irak selbst mit vorzubereiten, nahmen führende

Mitglieder des Bündnisses nach jahrelangen Vorverhandlungen Ende vergangenen

Jahres eine Einladung der irakischen Regierung zu einem mehrwöchigen

Aufenthalt im Lande an. »Unser Besuch in Irak hatte das Ziel,

Rahmenbedingungen für freie demokratische Aktivitäten unserer Organisationen

zu schaffen«, betonte Abd al-Jabbar al-Kubaysi. »Wir verhandelten mit Izzat

Ibrahim, Saddam Husseins Stellvertreter im Kommandorat, und mit Vizepremier

Tarek Aziz. Außerdem hatten wir Diskussionen mit Kadern der Bath-Partei, mit

Universitätsprofessoren, Schriftstellern und Journalisten über die

demokratische Zukunft Iraks.« Es wurde Übereinstimmung erzielt, dass die

Einparteienherrschaft überholt ist und dass man sich für eine demokratische

Wende auf Kräfte stützen muss, die durch freie Wahlen legitimiert sind. Mit

Izzat Ibrahim und Tarek Aziz wurde ein vorläufiger Konsens erzielt, wonach

das Recht auf Opposition gesetzlich verankert werden solle, die

Oppositionsparteien ihre Zeitungen frei herausgeben dürften und ihre

Anhänger keine Verfolgung zu befürchten hätten. Innerhalb von ein bis zwei

Jahren sollen Voraussetzungen für freie demokratische Wahlen geschaffen

werden. Alle Militär- und sonstigen Sondergerichte sollen abgeschafft und

all jene, die seit 1959 aus politischen Gründen verschleppt oder getötet

wurden, rehabilitiert werden.

»All das ist bereits beschlossen, im Amtsblatt veröffentlicht und damit in

Kraft getreten. Innerhalb von neun Tagen nach unserer Abreise wurden so 22

Gesetze annulliert.« Vereinbart wurde auch, dass alle Angehörigen

oppositioneller Parteien und Organisationen im Ausland zeitweise oder ganz

nach Irak zurückkehren könnten, ohne Verfolgungen befürchten zu müssen.

Ausgenommen davon seien nur diejenigen, die nachweislich im Sold

ausländischer Geheimdienste stehen.“

 

[ 4 ]         „Eine Verbindung zwischen dem Widerstand der irakischen Bevölkerung

und den Antikriegsprotesten in Europa herzustellen“, war das Hauptziel einer

von Willi Langthaler von der Antiimperialistischen Koordination in

Österreich geleiteten Solidaritätsdelegation in den Irak

 

Im Interview mit „junge Welt“ meint Langthaler, „Je länger der irakische

Widerstand anhält, desto stärker wird die Antikriegsbewegung in den

europäischen Ländern. Höhepunkt unserer Aktionen war eine Demonstration von

zirka 200 Menschen aus zehn Ländern gegen Krieg und das UN-Sanktionsregime

vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad. Vor Ort haben wir eine Petition

überreicht mit der Forderung an die UNO, der US-Aggression keinerlei

politische Legitimation zu verleihen. Wir sind gegen einen US-Krieg, und wir

stehen auch ganz eindeutig auf der Seite der irakischen Bevölkerung. Das hat

für uns zur Konsequenz, jeglichen Widerstand zu unterstützen, und ein

wesentlicher Faktor dabei ist nun einmal die irakische Armee. Diesen zu

ignorieren, hieße realpolitisch, sich neutral zu verhalten, was wiederum

hieße, auf der Seite der Stärkeren zu stehen.“ Allerdings bezweifelt

Langthaler wegen der früheren Politik des irakischen Regimes, insbesondere

wegen des reaktionären Krieges gegen den Iran sowie wegen der Unterdrückung

der früher sehr aktiven und gut organisierten Unterklassen, die Fähigkeit,

erfolgreichen Widerstand gegen eine US-Aggression zu mobilisieren. Doch da

die große Ungleichheit der Kräfte dem Irak militärisch kaum eine Chance

lässt, müsse die Bevölkerung in die Verteidigung einbezogen werden.

Langthalers Schlussfolgerung: „Eine internationale Mobilisierung kann

wesentlich zur Schwächung des Aggressors beitragen. Das hat nicht zuletzt

der Vietnamkrieg bewiesen. Es muss darum gehen, den Widerstand der

Bevölkerung in den arabischen Ländern mit der Antikriegsarbeit in den

westlichen Ländern zu verbinden.“

 

[ 5 ]         Die Beweislage zum Einsatz von Giftgas in kurdischen Dörfern durch

die irakische Armee im Krieg gegen den Iran gestattet nicht, von gezieltem

«Völkermord» zu reden oder wie Bush davon, «Saddam vergase seine eigenen

Bürger».

 

Joachim Guilliard berichtet in einem bisher nur im Internet kursierenden

Artikel, dass anders als in Deutschland in den USA in Zeitungen von

namhaften Publizisten wie Jude Wanniski immer wieder Zweifel an der

offiziellen Darstellungen zu lesen waren. „Auch Ron Paul, ein

republikanischer Kongressabgeordneter aus Texas ging in einer Rede vor dem

US-Kongress darauf ein und stellte fest, dass es absolut nicht sicher sei,

dass der Irak chemische Waffen gegen die Kurden eingesetzt habe. Die

Beweislage sei weit davon entfernt, schlüssig zu sein.“ Am 31.1. 2003

veröffentlichte die New York Times einen Artikel von Stephen C. Pelletier

Professor am Army War College der USA, über die Frage ob es sich bei den

Angriffen um einen gezielten Genozid oder eine Kriegshandlung handelte („A

War Crime or an Act of War”).

 

Guilliard weist auf die Frage hin, um die es jetzt hinsichtlich der

Giftgaseinsätze im Krieg Irak-Iran bei der Propaganda für eine US-Invasion

im Irak geht: „Diese Vorwürfe dienen schließlich wesentlich mit zur

Begründung, warum nichtkonventionelle Waffen in irakischen Händen so viel

bedrohlicher seien, als in anderen – so bedrohlich, dass es einen Krieg

notwendig mache, noch bevor der Irak solche Waffen wieder einsatzbereit

habe. Auch wenn die Emotionen bei diesem Thema sehr schnell hochgehen: es

geht, wie auch CIA-Veteran Stephen Pelletiere in der New York Times

ausführt, nicht darum die Bath-Regierung generell zu entlasten. Es wird

weder in Abrede gestellt oder in irgendwelcher Form entschuldigt, dass der

Irak im ersten Golfkrieg chemische Waffen einsetzte, noch dass der Irak mit

brutalen Mitteln gegen die aufständische Kurden vorging.“ Doch alles spreche

dafür, dass die Bewohner von Halabja „unbeabsichtigt Opfer von

Kampfhandlungen zwischen irakischen und kurdischen/iranischen Truppen

wurden.“ Guilliard erinnert daran, dass wir schließlich mittlerweile recht

gut wissen, „wie es den NATO-Staaten mit Hilfe albanischer Organisationen

und professioneller PR-Agenturen gelang, durch Übertreibungen und glatte

Lügen, ein Bild der Vorgänge im Kosovo zu zeichnen, das ein militärisches

Einschreiten für viele zur moralischen Notwendigkeit machte.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben dabei, wie im

ganzen Jugoslawienkonflikt keine sehr rühmliche Rolle gespielt, da sie die

einseitige Sichtweise der westlichen Regierungen und Medien im wesentlichen

unkritisch übernahmen. Der Vorwurf des Völkermords lässt sich jedenfalls mit

dem bisher bekannten Beweismaterial nicht begründen. Je schwerwiegender aber

die Vorwürfe, desto sicherer müssen unabhängige Beweise sein und Einwände

von Leuten wie Pelletiere sollten, gerade, wenn es sich wie bei ihm um einen

ehemaligen US-Offizier und CIA-Mitarbeiter handelt, der sich damit gegen die

offizielle Linie seines Landes stellt, ernst genommen werden.“

 

 

Mit internationalistischen Grüßen

Klaus von Raussendorff

 

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Anti-Imperialistische Korrespondenz (AIK), Redaktion: Klaus von Raussendorff

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