22. Juli 2002

ÖL

Untereinander aufgeteilt


Mit rhetorischem Sauerstoff-Gebläse und nervensägender Berichterstattung an die Kongreß-Ausschüsse versucht nun bereits wochenlang der demokratische Senator Thomas Hennings aus Missouri den Stahlschrank des US-Präsidenten aufzuknacken. Darin liegt wohlverwahrt ein sehr mysteriöses Dokument.

Seit Monaten schon rätselt die amerikanische Öffentlichkeit an seinem Inhalt herum. Verfasser des 900seitigen Berichts ist die "Bundes-Handelskommission" (Federal Trade Commission). Gegenstand ihrer Untersuchungen war die Politik der großen amerikanischen Ölgesellschaften gewesen. Runde zwei Jahre hatte dieses Gremium benötigt, ehe es dem Präsidenten Truman eine Expertise vorlegen konnte. Der nahm sie zur Kenntnis und - verschloß sie in seinem persönlichen Safe. Dort ruht nun das Dokument bereits seit Frühjahr.

"Ein gigantisches Öl-Komplott", vermutet Senator Thomas Hennings dahinter.

Er forderte, daß der Geheimbericht unverzüglich dem Justiz-Ministerium und den Handels- und Rechts-Ausschüssen des US-Senats weitergeleitet werde. Truman weigerte sich bisher erfolgreich.

Doch Thomas Hennings rennt immer noch wie ein wütender Stier gegen den Stahlschrank des Präsidenten an. Er putscht seine Kollegen aus dem Senat auf. Das State Department sah sich, wenn auch widerstrebend, zu der Erklärung gezwungen, daß einer Veröffentlichung des umstrittenen Dokumentes nichts mehr im Wege stehe. Fügte allerdings hinzu, daß aus einer solchen Publikation die persische Regierung Mossadeq und der arabische Nationalismus Vorteile ziehen würde. Truman erklärte, daß jetzt das Verteidigungsministerium schwerste Bedenken habe.

Der geheimnisvolle Bericht soll, wie die amerikanische Presse in regelmäßigen Abständen mitzuteilen weiß, "in Kürze" an die Öffentlichkeit gegeben werden.

Bisher erfolgte nichts, und die Zeitungen rätseln weiter. Ihre Kombinationen laufen größtenteils darauf hinaus, daß sich Präsident Truman weigere, eventuell gegen die amerikanischen Öl-Gesellschaften den Mechanismus der in USA bestehenden und manchmal sogar angewendeten Anti-Trust-Gesetze in Gang zu bringen. Der Inhalt des Berichts drehe sich vorwiegend darum, daß amerikanische, britische und niederländische Öl-Konzerne Abmachungen getroffen hätten, "die Öl-Reserven des Mittleren Ostens untereinander aufzuteilen und Preisabmachungen festzulegen."

Bleibt die Frage, ob solche "Neuigkeit" so viel Geheimkrämerei Trumans und so viel Aufregung Hennings wert wäre. Jeder Botenjunge bei den sieben großen Welt-Öl-Konzernen weiß, daß der Mittlere Osten, abgesehen von einer Reihe kleinerer und einiger Tochter-Gesellschaften, von fünf großen Öl-Unternehmen, die alle irgendwie in Abhängigkeit zu den sieben Welt-Öl-Konzernen stehen, beherrscht wird.

Im Jahre 1951 haben jene fünf im Vorderen Orient operierenden Gesellschaften auf etwa 20 Öl-Feldern mit rund 200 Bohrungen nahezu 92,4 Millionen Tonnen Öl gefördert.*) Sie beherrschen damit nicht nur das wirtschaftliche Schicksal des strategisch wichtigen Mittelost-Terrains, sondern wirken auch direkt oder indirekt auf die Politik des gesamten Mittleren Ostens ein.

Diese Tatsachen sind in jedem einschlägigen Handbuch verzeichnet. Es wäre also unnötig, sie dem amerikanischen Kongreß vorenthalten zu wollen.

Immerhin hat es Senator Hennings jetzt geschafft, daß Justiz-Minister James P. McGranery in einer Presse-Konferenz ankündigte, er werde die sieben großen Öl-Konzerne vor ein Geschworenen-Gericht in Washington stellen lassen. Straf- und zivilrechtlich will er gegen die monopolistischen Geschäftspraktiken der Öl-Kartelle vorgehen.

Hennings konkretisierte seine Anwürfe gegen die Gesellschaften:

Es werde erzählt, so sagt Hennings, daß der noch unveröffentlichte Bericht über die Öl-Gesellschaften ein Pulverfaß im Mittleren Osten in die Luft gehen lassen würde. "Es sollte mich nicht wundern, wenn dieses Pulverfaß in den Vereinigten Staaten steht," meinte der Senator.

Im Hauptquartier des von General Bedell Smith geleiteten amerikanischen Nachrichtendienstes, der Central Intelligence Agency  (CIA), will man nun wissen, daß die eigentliche Sensation des "Federal Trade Commision"-Berichtes tatsächlich gewisse Manipulationen der amerikanischen Öl-Gesellschaften behandelt, die sehr stark die Interessen des State Department und des Pentagon tangieren:

Die Direktionen der Öl-Gesellschaften sind dabei von dem Gesichtspunkt ausgegangen, daß im Falle eines zukünftigen Krieges die Festsetzung der Sowjets am Persischen Golf nicht zu verhindern sei. Die letzten Demarchen der Sowjets in Teheran werden für diese Auffassung als Bestätigung angesehen.

Damit käme jedoch - immer nach der Auffassung der Öl-Magnaten - die gesamte Erdöl-Industrie des Nahen Ostens in Gefahr, zusammenzubrechen. Auch ohne die Konzessionen in Kuweit, in Saudi-Arabien oder im Irak zu besetzen, wäre es den Russen möglich, durch Bomben-Angriffe die Förderanlagen zu zerstören, durch Sabotage-Trupps die pipe-lines zu unterbrechen oder erfolgreich die Tanker-Konvois zu bekämpfen, die von den Bahrein-Inseln das Öl abtransportieren müßten.

Andererseits wäre jedoch das Öl des Mittleren Ostens auch für die Sowjets verhältnismäßig wertlos. Der Abtransport mit Tankschiffen wäre unmöglich, der Bau von neuen Erdöl-Leitungen würde Jahre in Anspruch nehmen und der Ueberland-Transport per Schiene oder Straße bei den gegenwärtigen Verkehrs - Verhältnissen auch kaum lohnend.

Kombinierten die Öl-Bosse: Rußland müßte in einem zukünftigen Krieg allergrößtes Interesse haben, daß die Länder der Arabischen Liga neutral bleiben. Die russische Süd-Flanke wäre damit geschützt, die Kräfte der Sowjet-Armee brauchten sich nicht zu zersplittern und die Russen könnten Operationen auf weitabgelegenen und schwer kontrollierbaren Kriegsschauplätzen vermeiden.

Wiederum: eine Bombardierung der Oel-Anlagen im Vorderen Orient müßte früher oder später die arabischen Nationen an die Seite der Westmächte drängen. Damit würde jedoch Rußland eines Tages zu einer Besetzung der Nahost-Länder gezwungen sein, was also die Sowjets im Sinne einer rationalen Militär-Politik gerade vermeiden müßten.

Unter solchen Auspizien entschlossen sich die Öl-Direktoren, "Politik des gesunden Menschenverstandes" (wie sie es nennen) auf eigene Faust zu machen. Dabei legten sie sich mit dem amerikanischen Außenministerium und mit dem Verteidigungsministerium quer. Gleichzeitig aber heizten sie mit ihrem raffinierten Öl auch die Wahlmaschinen der Republikaner und Demokraten in der gegenwärtigen Präsidentschafts-Kampagne. So waren sie zuerst einmal gegenüber Indiskretionen von seiten der amerikanischen Parteien gesichert. Auch Thomas Hennings konnte bis heute das Geheimnis nicht lüften.

"Bleibt der Mittlere Osten in einem zukünftigen Krieg neutral, dann fällt Euch, wenn Ihr den Krieg gewinnen solltet, dieses Gebiet eo ipso wie ein reifer Apfel in den Schoß; intakte Förder-Anlagen nützen Euch dann mehr als zerschlagene", eröffneten die Öl-Leute im Februar ihr Gespräch mit den Russen.

Und dann legten sie, wie das unter Kaufleuten üblich ist ihre bemusterten Offerten unter Preisangabe vor: Gegen eine sowjetische Garantie der Neutralität der Arabischen Staaten wären die Öl-Konzerne im Mittleren Osten bereit:

Kommentieren die Öl-Leute ihr Angebot augenzwinkernd: die Regierungen von Riad, Bagdad, Bahrein, Kuweit, Damaskus und Libanon und die an den Pachten interessierten Araber - Scheichs hätten Kenntnis von der geplanten Vereinbarung. Deren Meinung: ohne Öl kein Geld. Ohne Geld brechen die arabischen Staaten zusammen Zerstörte Fördertürme bedeuten genau so Ruin wie Besatzung und Hin- und Herrollen der Kriegswalze.

Die "brass heads" im Pentagon reagierten auf Bedell Smith's Berichterstattung über das mittelöstliche Öl-Komplott keinesfalls heftig. Die Generäle wollen erst einmal die Wahlen abwarten, die vielleicht Veränderungen in den politischen und strategischen Planungen ergeben können. Warum sich also in einer komplizierten Frage vorzeitig exponieren? Die Angebote der Öl-Magnaten lassen auf jeden Fall die Tür offen, und wenn der große Orlog nicht zu ungünstig verläuft, wird es immer noch möglich sein, eines schönen Tages am Persischen Golf oder im Irak aufzumarschieren, anstatt die russische Dampfwalze am Suez oder am Roten Meer zurückzustemmen.

 

*) Die Gesellschaften sind: die "Arabian-American Oil Co." (ARAMCO); die "Iraq Petroleum Co" (IPC); die "Anglo-Iranian Oil Co" (AIOC); die "Kuwait Oil Co" und die "Barein Petroleum Co". Seit Juli 1951 ist die Förderung im Süd-Iran durch den englisch-persischen Ölstreit zum Erliegen gekommen.